Aufgehört zu kiffen: Was sich nach 30 Tagen wirklich verändert hat

Aufgehoert zu kiffen 30 Tage

30 Tage klingen nicht nach viel, wenn man von außen draufschaut. Aus der Mitte heraus sind sie eine ganz andere Sache. Ich hab in diesem Monat mehr über mich gelernt als in den fünf Jahren davor, in denen ich abends gekifft habe wie andere Leute Zähne putzen.

Das hier ist kein Held-am-Berg-Bericht. Es geht um vier Wochen, einen normalen Tisch in einer normalen Küche und das, was passiert, wenn man die Abend-Routine wegnimmt, die man sich nicht mehr gefragt hat.

Ich bin Anfang 30, arbeite in einem Büro, hab eine Beziehung, hab Freunde, hab keinen Job-Crash und keine Familien-Krise. Cannabis war nichts, das ich vor irgendwem retten musste. Es war einfach da, jeden Abend, ungefragt. Wenn jemand nach meiner Erfahrung zu diesem Zeitraum fragt, dann antworte ich heute mit dem Detail, das mich selbst überrascht hat: Es geht nicht darum, ob die 30 Tage schwer waren. Es geht darum, was sie sichtbar gemacht haben.

Die ersten Tage

Tag 1 war Adrenalin. Ich hatte zwei Wochen vorher entschieden, an einem Sonntag zu starten, und das Wochenende davor noch zu Ende konsumiert. Sonntagabend hatte ich eine seltsame Energie. Wäsche, Spülmaschine, alte Mails sortiert. Ich dachte, das ist jetzt das neue Ich.

Tag 3 war es nicht mehr. Mein Schlaf war komplett kaputt. Ich lag um zwei Uhr nachts wach, das Herz im Hals, und dachte, dass ich am Morgen nicht funktionieren würde. Ich hab funktioniert, irgendwie, mit zu viel Kaffee und schlechter Laune. Schwitzen, ein Hauch Übelkeit, das Gefühl, dass jeder mich im Büro komisch anschaut. Hat keiner getan.

Tag 5 ging es körperlich besser. Magen normal, Schwitzen weg, der Schlaf wackelig aber irgendwie da. Ich dachte: okay, das war’s. Die größte Falle der ganzen 30 Tage.

Was niemand mir gesagt hat

Tag 10 bis Tag 20 war emotional die seltsamste Phase, die ich je hatte. Nicht im Sinne von „mir geht es schlecht“ — ich konnte arbeiten, ich konnte mit meiner Partnerin reden, ich konnte einkaufen. Aber irgendwas war komisch.

Ich hab geweint, als im Café ein Vater seiner Tochter den Schuh zugebunden hat. Ich hab mich über einen Praktikanten geärgert, weil er eine Mail mit „LG“ beendet hatte. Ich hab Sonntagnachmittag drei Stunden lang aus dem Fenster geschaut und dachte, ich sollte „etwas tun“, konnte mich aber nicht entscheiden. Nichts davon war dramatisch. Alles war ein paar Klicks lauter als sonst.

Hinterher hab ich verstanden, dass das die Phase ist, vor der wenige warnen. Der Körper ist nach Tag 5 ungefähr durch, aber das Belohnungssystem fängt erst da an, sich neu einzustellen. Das dauert ein paar Wochen, und in den ersten davon kommen Wellen, die früher unter dem Joint untergegangen wären. Lies dazu auch Wie lange ist man depressiv nach dem Cannabis-Entzug.

Was geholfen hat, war nichts Großes. Spaziergänge, mein Hund, frühe Schlafzeiten, kein Alkohol als Ersatz. Eine Folge weniger Netflix abends, dafür ein Buch, das ich seit zwei Jahren im Regal stehen hatte.

Was sich nach 30 Tagen wirklich verschoben hat

Ich hatte erwartet, dass ich am Tag 30 ein Foto von mir machen kann mit dem Untertitel „neuer Mensch“. Das passiert nicht. Was passiert, ist subtiler und auf eine merkwürdige Art besser.

Mein Schlaf ist nicht plötzlich tief, aber ich wache morgens auf und weiß noch, was ich geträumt habe. Das war jahrelang weg. Manche Träume sind verstörend lebendig. Andere sind die schönsten Träume, die ich seit der Schulzeit hatte.

Mein Geschmack ist verändert. Erdbeeren schmecken nach Erdbeeren. Kaffee riecht morgens nach etwas. Frische Luft hat einen Geruch. Das klingt esoterisch und ist es nicht. Das ist einfach ein System, das gerade wieder anfängt, Reize zu registrieren, die jahrelang im Hintergrund liefen.

Die größte Veränderung ist nicht messbar. Es ist die Wahrnehmung, dass abends einfach Zeit übrig ist. Stunden, die nicht mit etwas gefüllt werden müssen. Erstmal Panik. Dann irgendwann das Gegenteil — das Gefühl, dass diese Stunden wieder mir gehören und ich entscheiden kann, was passiert.

Was ich am Ende der 30 Tage nicht erwartet hätte

Ich dachte, am Tag 30 würde ich entscheiden, ob ich weiter aussteige oder mir „ab und zu“ wieder erlaube. Diese Frage hat sich nicht gestellt. Nicht weil ich diszipliniert geworden wäre. Sondern weil sich die Frage „ein Joint heute Abend“ anders anfühlt, wenn die letzten 30 Tage gezeigt haben, was sich ohne ihn verändert.

Ich weiß heute nicht, ob ich für immer aussteige oder ob in einem Jahr was anderes passiert. Was ich weiß, ist, dass die Vorstellung „eine kurze Pause und dann normal weiter“ naiv war. Die 30 Tage haben nicht eine Pause gemacht. Sie haben einen Punkt gemacht.

Was zwischen Tag 1 und Tag 30 passiert ist, lässt sich nicht in einen Satz pressen. Was aber stimmt: An Tag 1 war ich jemand, der abends einen Joint braucht. An Tag 30 war ich jemand, der das gestern abend für selbstverständlich gehalten hatte. Dieser Unterschied ist klein im Wortlaut und groß im Effekt. Mehr Erfahrungen anderer findest du in den Erfahrungsberichten über den Cannabis-Entzug.

Was ich heute weiß: Es sind nicht die 30 Tage, die das Schwere machen. Es ist die Frage, was du am Tag 31 machst, wenn niemand mehr hinguckt und kein Zähler mehr läuft. Diese Frage hab ich noch nicht ganz beantwortet. Aber sie zu stellen, ist schon mehr, als ich vor einem Monat konnte.

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