
20 Jahre. Fast jeden Abend. Manchmal morgens. Bei Stress sowieso. Ich hab nie versucht, ein Held zu sein damit, und ich hab nie versucht, mich kleinzureden. Es war einfach mein Alltag, so wie andere Leute ihr Glas Wein haben.
Wer 20 Jahre täglich gekifft und dann aufgehört hat, hat selten eine spektakuläre Geschichte. Ich hab keine. Was ich hab, sind die Beobachtungen aus den letzten zwei Jahren ohne, und die sind anders als alles, was ich vorher erwartet hätte.
Ich bin 52, eigene kleine Firma, geschieden, zwei erwachsene Kinder, die mit der Sache nie ein Problem hatten. Mein Konsum war funktionierend. Ich war kein Junkie, kein Wracks, keine Sozialhilfe. Ich war jemand, der jeden Abend gekifft hat und es kontrolliert hatte. Dachte ich.
Es gab keinen Moment. Keinen Crash. Es war eher eine Liste, die sich langsam zusammensetzte.
Erstens: Ich konnte keine Pause mehr machen. Urlaub ohne Vorrat — Panik im Kopf. Einmal vier Tage in Italien, der Vorrat war alle, ich hab in Bologna stundenlang nach einer Lösung gesucht. Da hab ich gewusst, dass es nicht mehr Genuss war.
Zweitens: Ich hab Sachen aufgehört, die ich früher gerne gemacht hab. Wandern. Lesen. Längere Gespräche. Alles, was nicht zum Konsum passte oder mich davon abhielt. Ich hätte das nicht so gesagt, aber so war es.
Drittens: Mein Sohn, 24, hat irgendwann gesagt: Papa, du bist seit 10 Jahren irgendwie nicht mehr ganz da. Hat es ruhig gesagt, ohne Vorwurf. Hat mich härter getroffen als jede Diskussion mit meiner Ex-Frau.
Tag eins. Sonntag. Ich hatte beschlossen, einfach nicht mehr zu kaufen. Vorrat aufgebraucht, das war’s. Klingt einfach. War es nicht.
Schlaf weg ab Tag zwei. Schwitzen vor allem nachts. Mein Bett-Laken war jeden Morgen feucht, eine Woche lang. Magen rebelliert. Reizbar wie nie, aber ich habe niemand dafür gehabt — ich lebe alleine. Das war Vorteil und Nachteil zugleich.
Tag drei und vier hab ich mit Magnesium, Salbeitee und langen Spaziergängen überbrückt. Kein Genuss. Aber machbar. Ab Tag sechs wurde es körperlich okay. Ich dachte: das war’s. Dann kam, was niemand mir vorher gesagt hatte.
Ab Woche zwei kam etwas anderes. Nicht körperlich. Mental. Eine Art Grau-Schicht über allem. Nicht Depression — ich war funktionsfähig, ich hab gearbeitet, ich hab gegessen. Aber dieses leichte „wozu“ hing wochenlang in der Luft.
Hinterher habe ich gelesen, dass das eine erwartbare Phase ist. Das Belohnungssystem stellt sich ohne den jahrelangen externen Dämpfer neu ein. Bei mir hat das ungefähr drei Wochen gedauert. Ich hatte das Gefühl, ich würde durchsichtig.
Was geholfen hat: nichts Spektakuläres. Tageslicht morgens, eine halbe Stunde Spaziergang vor der Arbeit. Drei Mahlzeiten am Tag, auch wenn ich keinen Hunger hatte. Anrufe zu meinen Kindern, ohne Anlass. Ein altes Hobby — Holzarbeit in der Garage. Sachen, die mich ein bisschen vom inneren Geschwätz wegholten.
Wer schon bei den ersten Tagen ein realistisches Bild der körperlichen Seite haben will: die 12 häufigsten Entzugserscheinungen durch Cannabis ist eine gute Übersicht.
Ungefähr Woche sieben hab ich gemerkt, dass mein Schlaf wieder etwas trägt. Nicht perfekt. Aber tiefer als jahrelang davor. Ich konnte morgens aufstehen, ohne dass die ersten zwei Stunden Trübnebel waren.
Da fiel mir auf, wie flach der Schlaf vorher gewesen sein muss. Nicht nur in Konsumzeiten. Auch in den raren Pausen, die ich versucht hatte. Mein Körper hatte sich an einen Zustand gewöhnt, den ich für normal hielt.
Drei Monate war ungefähr der Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass Sachen, die ich aufgegeben hatte, langsam zurückkamen. Lust auf längere Gespräche. Geduld beim Lesen. Bock auf Wochenend-Touren, statt einfach durchzusitzen.
Heute, zwei Jahre später, ist Cannabis kein Thema mehr. Es liegt kein Vorrat mehr im Schrank. Ich hab keinen Plan, ob ich „nie wieder“ sagen kann oder nicht. Was ich weiß: Ich hab in zwei Jahren nicht einmal das Bedürfnis gehabt, das wirklich ernsthaft zu hinterfragen.
Die größten Veränderungen sind nicht spektakulär. Ich schlafe besser. Ich rede mehr mit meinen Kindern. Ich hab abgenommen, ohne es zu versuchen — Snacks vor dem Fernseher sind weg, wenn niemand mehr Munchies hat. Ich hab mehr Geld. Ich hab mehr Zeit.
Was ich auch sagen muss: Ich hatte 20 Jahre lang etwas, das verlässlich war. Abends, nach der Arbeit, das ritual. Ohne dieses Ritual ist da ein Loch, das ich anders füllen musste. Ich hab es nicht mit Sport gefüllt oder Yoga oder irgendwas Vorbildhaftem. Ich hab es einfach offen gelassen. Zwei Jahre lang. Jetzt ist es kein Loch mehr, sondern Zeit.
Wenn jemand mit ähnlicher Konsumdauer überlegt aufzuhören, würde ich nicht von 30 Tagen reden. Bei längerem Konsum ist die ehrliche Spanne eher bis zu 3 Monate, bis das System wirklich wieder rund läuft. Aber alles, was danach kommt, ist es wert. Auch wenn ich das mit 50 nicht für möglich gehalten hätte.