30 Tage ohne Cannabis: Das Tagebuch das ich nicht geplant hatte

Wie sich 30 Tage ohne Cannabis anfühlen

Ich hatte nicht vor, ein Cannabis-Entzug-Tagebuch zu schreiben. Ich hatte vor, einfach 30 Tage zu pausieren, weil mir klargeworden war, dass mein Abend-Joint kein Genuss mehr war. Das Tagebuch ist passiert, weil ich nach der zweiten Nacht so wach im Bett lag, dass Schreiben besser war als Schlafen-Versuchen.

Das hier sind 30 Tage in Stichpunkten und Beobachtungen. Nicht stilisiert. Manche Einträge sind kurz, andere lang. Wer wissen will, wie sich 30 Tage anfühlen — ohne Filter — soll das lesen.

Ich bin 35, arbeite in Marketing, keine Kinder, lebe alleine in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Hab seit 12 Jahren konsumiert. Erst Wochenende, dann fast täglich, dann täglich. Niemand außer meinem Partner wusste, in welcher Größenordnung. Das hier ist mein Erfahrungs-Tagebuch.

Woche eins

Tag 1. Sonntag. Vorrat heute aufgeraucht, morgen ist null da. Komische Aufregung, fast wie vor einem Flug. Geschlafen wie immer.

Tag 2. Montag. Morgens normal. Mittags ein Loch im Magen, nicht Hunger. Nachmittags müde. Abends im Bett um halb zehn, kann nicht einschlafen, liege bis halb drei wach. Heißer Tee, kaltes Wasser ins Gesicht, neuer Versuch. Schlafe von vier bis sechs.

Tag 3. Im Büro Müll. Hab eine Mail dreimal gelesen, keinen Satz behalten. Abends: schweißnass im Bett aufgewacht um zwei. T-Shirt wechseln, neuer Versuch.

Tag 4. Der erste richtig harte Tag. Magen schwankt, leichte Übelkeit, Kopfdruck. Hab nach der Arbeit eine Stunde geheult, ohne Anlass. Hat sich danach besser angefühlt. Mein Partner war ruhig dabei, ohne zu kommentieren. Hat sehr geholfen.

Tag 5. Schwitzen weniger. Schlafen immer noch schlecht, aber drei Stunden am Stück. Geht.

Tag 6. Erste Mahlzeit, die wieder Spaß gemacht hat. Spaghetti carbonara, zu Hause selbst gemacht. Mein Partner hat gesagt, ich seh besser aus. Ich glaube, das war Höflichkeit.

Tag 7. Eine Woche durch. Ich hab mich nicht gefeiert. Es war eher: okay, weiter. Konkrete Aufstellung, was körperlich in dieser Phase passiert: die 12 häufigsten Entzugserscheinungen durch Cannabis.

Woche zwei

Tag 8. Schlaf besser. Sechs Stunden tief. Aufgewacht um halb sieben, vor dem Wecker. Erst mal seltsam.

Tag 9. Reizbar. Mein Partner hat gefragt, ob ich Tee will, ich hab pampig geantwortet. Hab mich danach entschuldigt. Er hat gelacht. War okay.

Tag 10. Erste Träume seit Jahren, an die ich mich erinnere. Verstörend lebendig. Mein Vater, ich war Kind, wir waren im Auto. Bin um vier wach geworden und konnte nicht mehr einschlafen.

Tag 11. Im Büro besser konzentriert als die ganze Woche davor. Hab in zwei Stunden eine Sache fertig gemacht, für die ich sonst einen halben Tag brauche. Kein Wunder, einfach klarer Kopf.

Tag 12. Abends melancholisch. Ohne Grund. Ich hab versucht zu lesen, hat nicht funktioniert. Hab eine Folge alte Serie geguckt, ist vorbeigegangen.

Tag 13. Nichts Besonderes.

Tag 14. Halbzeit. Hab meinem Partner gesagt, dass ich nicht weiß, ob ich aufhöre oder weitermache nach den 30 Tagen. Er hat gesagt, das wäre meine Entscheidung. Hat geholfen, das so klar zu hören.

Woche drei

Tag 15. Geschmack. Erdbeeren von der Kollegin im Büro haben nach etwas geschmeckt. Erst dachte ich, ich übertreibe. Hat dann eine andere Kollegin auch probiert und gesagt: süß, aber normal. Bei mir war das wie das erste Mal Erdbeere.

Tag 16. Geruch im Café morgens. Kaffee, Croissant, dieser Mix. War wie eine Erinnerung an meine Studienzeit, ohne dass ich an meine Studienzeit gedacht hab. Komisches Gefühl.

Tag 17. Erste Welle Lust auf einen Joint. Stark, kam aus dem Nichts, ein Donnerstag abend nach der Arbeit. Bin spazieren gegangen, 30 Minuten, war weg. Aber überraschend stark, dass ich kurz dachte, ich kauf was. Kalter Schweiß.

Tag 18 bis 21. Normal. Schlafe, esse, arbeite. Wenig Aufregung. Mein Partner und ich hatten ein gutes Wochenende, was wir lange nicht hatten — wir waren wandern, was ich immer geschoben hatte.

Woche vier

Tag 22. Schlafe sieben Stunden am Stück. Erste Mal seit ich denken kann.

Tag 23. Müder als die Tage davor. Keine Ahnung warum. Hab früh ins Bett gemacht.

Tag 24. Beim Arbeiten gemerkt, dass ich nicht mehr alle 20 Minuten Pause brauche. Ich hab zwei Stunden konzentriert gearbeitet, das war früher der ganze Vormittag verteilt auf vier Pausen.

Tag 25. Treffen mit alten Freundinnen. Wir haben uns vier Stunden unterhalten, ich war hinterher nicht erschöpft. Sonst hatte ich nach zwei Stunden Bedürfnis nach Pause.

Tag 26. Im Spiegel gesehen, dass meine Haut anders aussieht. Lebendiger. Ich bin nicht jünger geworden, das wäre Quatsch. Aber weniger müde-grau im Gesicht.

Tag 27 bis 29. Drei normale Tage. Ich realisiere, dass Cannabis nicht mehr aktiv im Kopf ist. Ich denke an die Sache, wenn ich das Tagebuch öffne. Sonst nicht.

Tag 30. Ich hab nicht entschieden, ob ich weitermache. Mir ist das gar nicht so wichtig. Was ich weiß: Ich werde dieses Tagebuch behalten. Für die Tage, an denen ich vergesse, was sich in einem Monat verschoben hat.

Was 30 Tage mir gezeigt haben

Wenn jemand mich heute fragt, was 30 Tage ohne Cannabis bringen, sage ich: keine Verwandlung. Aber eine Liste konkreter Veränderungen, die nicht nichts sind. Besserer Schlaf. Träume zurück. Klarerer Kopf bei der Arbeit. Geschmack und Geruch lebendig. Energie für Sachen, die ich vorher geschoben hab. Und ein leiseres Hintergrundrauschen im Kopf, das ich vorher gar nicht als Rauschen erkannt habe.

30 Tage sind keine Garantie. Sie sind ein Test. Was nach Tag 30 passiert, hängt von vielen Sachen ab. Mehr Erfahrungen anderer in ähnlicher Lage finden sich in den Erfahrungsberichten zum Cannabis-Entzug. Was bei mir bleibt, weiß ich noch nicht. Aber ich weiß, dass die 30 Tage nicht umsonst waren. Und das ist mehr, als ich am Tag 1 gehofft hatte.

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