Mein Rückfall nach sechs Wochen: und was er mich gelehrt hat

Was ein Cannabis-Rückfall lehrt

Sechs Wochen waren gut. Schlaf okay, Kopf klar, Stimmung stabil. Ich hab gedacht: das ist es jetzt. Bin durch.

Donnerstag abend, Wochenende voraus, alter Kumpel aus der Stadt. Wir saßen bei ihm, er hat sich einen gebaut. Ich hab gesagt: einer schadet nicht. Nach sechs Wochen ohne. Das war der Satz, den ich mir in den nächsten drei Tagen oft angeschaut hab.

Ich bin 24, arbeite in einer Werkstatt, hab eine Freundin, die nicht konsumiert. Die ersten sechs Wochen sind gut gelaufen. Vorbereitung mit Plan, drei Wochen körperlich durch, dann die emotionale Phase, dann ruhig. Mein Rückfall nach sechs Wochen, und was er mir gezeigt hat — das ist die Erfahrung, die ich teile.

Wie es passiert ist

Nicht im Stress. Nicht in Verzweiflung. Nicht weil ich Lust auf einen Joint hatte. Ich saß da, er hat mir einen gegeben, ich hab ihn genommen. Punkt.

Im Moment selbst hab ich gar nichts gemerkt. Hab gelacht. Hab nicht groß drüber nachgedacht. Auf dem Weg nach Hause war ich entspannt, hab gedacht: war kein Drama. Sehe ich morgen.

Am nächsten Morgen war Realität wieder da. Sechs Wochen umsonst. Nicht weil ein Joint körperlich was zerstört, sondern weil das Versprechen kaputt war. Ich hatte gesagt, ich höre auf. Und dann hatte ich nicht.

Was war jetzt? Ich hab mich entschieden, ehrlich zu sein. Direkt mit der Freundin geredet, am Frühstückstisch. Sie war nicht sauer. Sie war traurig. Das war schwerer auszuhalten.

Was ich falsch gemacht hab

Erste Sache: Ich hab das Treffen nicht vorgeplant. Ich wusste, dass mein Kumpel konsumiert. Ich hab gedacht, sechs Wochen sind genug, ich kann das aushalten. War nicht genug, oder nicht das richtige Setting.

Zweite Sache: Ich hab nicht vorbereitet, was ich antworte, wenn er mir einen anbietet. Hab improvisiert. Improvisation bei Triggern funktioniert nicht. Dein Kopf macht den Pfad, den er kennt.

Dritte Sache: Ich hab in den sechs Wochen ohne mir eingeredet, dass ich kein Cannabis-Konsument mehr bin. „Ich war es mal.“ Klingt vernünftig, war Selbstbetrug. Wer 10 Jahre konsumiert hat, ist nicht nach 6 Wochen jemand ganz anderes.

Vierte Sache: Ich hab keinen Plan gehabt, was passiert nach einem Rückfall. Hab gedacht, ich falle nicht zurück. War ich vorbereitet. Wer einen ehrlichen Blick auf diese Frage will, findet das im Artikel Rückfall beim Kiffen aufhören: was jetzt wirklich zählt.

Was nach dem Rückfall passierte

Drei Tage hab ich überlegt, ob ich „jetzt sowieso wieder einsteige“ oder ob ich neu anfange. Klassische Falle. Im Kopf war: ein Joint hat ich schon gehabt, ist eh nicht perfekt, vielleicht ein paar Tage und dann sehe ich weiter.

Was geholfen hat, war meine Freundin. Nicht weil sie was gesagt hätte. Sondern weil ich gemerkt hab, dass diese Wochen Veränderungen waren, die ich nicht aufgeben will. Mein Schlaf war besser geworden. Mein Kopf klarer. Wir hatten Gespräche gehabt, die wir vorher seit Monaten nicht hatten.

Tag vier nach dem Rückfall hab ich entschieden: weiter ohne. Diesmal mit dem Wissen, dass „durch sein“ eine Illusion war. Es gibt kein „durch“. Es gibt nur Tag für Tag eine Entscheidung.

Was körperlich passiert ist nach einem Joint

Nicht viel. Wer denkt, dass ein Joint nach sechs Wochen den ganzen Körper zurückwirft — stimmt nicht. Mein Schlaf war eine Nacht durcheinander, dann wieder okay. Stimmung war nicht anders.

Was passiert ist, war ein leichter Pull am nächsten Tag. „Wäre ja nicht schlimm, gleich nochmal.“ Ich kenne diesen Pull. Hab ihn erkannt, hab nicht reagiert. Tag zwei war er weg. Tag drei auch.

Wer wissen will, was körperlich nach einem Rückfall realistisch passiert, findet das in die 12 häufigsten Entzugserscheinungen durch Cannabis — der Punkt ist: ein Joint nach sechs Wochen löst keinen vollständigen Reset aus, aber der mentale Pull braucht ein paar Tage zum Abklingen.

Was ich heute weiß

Bin jetzt vier Monate nach dem Rückfall ohne. Insgesamt sieben Monate, mit dem Joint in der Mitte. Was ich gelernt hab:

Erstens: Rückfälle gehören oft dazu, sind aber kein Pflichtprogramm. Wer sie vermeiden will, vermeidet die Settings, in denen sie passieren — in den ersten Monaten.

Zweitens: Triggers sind nicht Stress. Triggers sind oft genau die Settings, in denen man dachte „bin ich locker drauf“. Die guten Tage sind die gefährlichen.

Drittens: Ein Rückfall ist nicht Versagen. Es ist Information. Mir hat er gezeigt, was ich beim ersten Versuch unterschätzt hab.

Viertens: Das Versprechen, das du dir selbst gibst, ist wichtiger als das Cannabis, das du nicht rauchst. Wer das Versprechen leichtfertig bricht, lernt erst hinterher, was er aufgegeben hat.

Wenn ich heute alten Kumpels begegne, die konsumieren — das passiert weiter, das vermeide ich nicht. Aber ich gehe nicht mehr in deren Wohnung, wenn ich nicht klar im Kopf bin. Ich hab vorher festgelegt, was meine Antwort ist, wenn jemand was anbietet. Das macht den Unterschied.

Wer mit einem ähnlichen Punkt kämpft, findet weitere Geschichten in den Erfahrungsberichten zum Cannabis-Entzug. Mein Tipp aus sieben Monaten Abstand: Rückfall verarbeiten dauert weniger lang als ein Rückfall, dem du nicht ehrlich begegnest.

Ben C., Texter im AZK-Team

Über den Autor

Ben C. · Texter im AZK-Team

Ben C. hat sechs Jahre konsumiert. Er hat in einer Entzugsklinik gearbeitet und dort auch seinen eigenen Entzug gemacht. Dadurch kennt er Cannabis-Entzug aus eigener Erfahrung und aus dem Klinikalltag.

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