Clean sein: wie es wirklich ist und warum ich nicht zurückwill

Wie sich Clean-sein nach Cannabis anfühlt

Clean sein, wie es wirklich ist. Nicht wie auf Instagram. Nicht wie in den motivierenden Posts mit dem Sonnenaufgang. So, wie es ist, wenn am Freitag abend die Kinder im Bett sind, der Mann müde auf dem Sofa, und du dich an die Stille gewöhnen musst.

Ich hab vor zwei Jahren aufgehört zu kiffen. Vorher 14 Jahre Konsum, fast täglich, in den letzten Jahren immer abends nach dem Schlafengehen der Kinder. Es war nie ein Drama. Es war eine Routine, die ich nicht in Frage gestellt habe, bis ich es musste.

Ich bin 38, zwei Kinder (sieben und neun), verheiratet, arbeite halbtags in einer Praxis. Niemand außer meinem Mann hat von dem Cannabis gewusst. Ich war keine Junkie-Mutter. Ich war eine Frau, die abends ihr Glas Wein oder einen Joint gehabt hat. Außer dass es bei mir der Joint war, und außer dass es seit langem nicht mehr ein Glas, sondern jeden Abend war.

Was clean sein nicht ist

Clean sein ist nicht das, was die Aussteiger-Blogs einem versprechen. Da liest du Sätze wie „jeder Tag ist ein Geschenk“, und du denkst, du bist verkehrt, weil du nach drei Monaten Pause immer noch nicht „jeden Tag als Geschenk“ empfindest.

Clean sein ist normaler. Es ist langweiliger. Es hat weniger dramatische Höhen und weniger dramatische Tiefen. Es ist ein bisschen wie wenn der Kaffee, den du jahrelang mit Sirup getrunken hast, plötzlich ohne Sirup serviert wird. Erst denkst du, das schmeckt nach nichts. Dann merkst du, dass Kaffee tatsächlich auch ohne Sirup einen Geschmack hat. Du hast ihn nur jahrelang nicht geschmeckt.

Wer das vorher weiß, ist nicht enttäuscht. Wer mit zu großen Erwartungen reingeht — „mein Leben wird sich komplett verändern“ — wird enttäuscht. Es verändert sich. Nur nicht so, wie man es sich vorstellt.

Was sich für mich konkret verschoben hat

Meine Kinder. Das ist der ehrlichste Punkt. Ich war eine gute Mutter auch vor dem Aufhören. Aber ich war nicht ganz da, vor allem abends. Wenn meine Tochter um halb neun nochmal aus dem Bett kam mit einer Frage, hab ich geantwortet — aber ein bisschen abwesend. Heute höre ich richtig zu. Das ist nicht spektakulär. Es ist einfach ein Unterschied, der zwischen mir und meinen Kindern jetzt ist und vorher nicht war.

Mein Schlaf. Ich hatte 14 Jahre geglaubt, ich schlafe gut, weil ich schnell einschlief. Was ich nicht wusste: dass Schlafen mit THC einen großen Teil der Tief- und Traumphasen unterdrückt. Heute schlafe ich nicht „mehr“. Ich schlafe anders. Ich wache morgens auf und weiß, was ich geträumt habe. Ich erinnere mich an Sachen, die ich vergessen hatte. Manchmal sind die Träume so lebendig, dass sie mich noch beim Frühstück beschäftigen.

Mein Mann und ich. Wir hatten in den letzten Jahren wenig wirkliche Gespräche. Wir haben telefoniert wie WG-Mitbewohner — wer holt die Kinder, wer kauft ein, wer geht zum Elternabend. Heute haben wir manchmal Abende, an denen wir einfach reden. Über uns. Über Sachen, die wir früher mal wichtig fanden. Das ist nicht jeden Abend so. Aber es passiert. Vorher nicht.

Mein Körper. Ich hab nicht abgenommen, ich hab nicht zugenommen. Aber meine Haut sieht anders aus. Die Augenringe, die ich jahrelang als „ich bin halt Mutter“ abgetan habe, sind weg. Ich seh aus wie 38, nicht wie 45. Das war kein Aufhör-Ziel. Es ist trotzdem nett.

Was nicht weggegangen ist

Ich erzähl auch das, weil sonst die Geschichte unehrlich wird. Stress ist immer noch da. Schwierige Tage mit den Kindern gibt es immer noch. Konflikte mit meinem Mann gibt es immer noch. Cannabis hat mir an manchen Tagen geholfen, das alles abzudämpfen. Ohne Cannabis muss ich Wege finden, die schwierigen Abende anders durchzukommen.

Mein Weg ist: lange Spaziergänge, ein Bad mit Lavendelöl, ein langes Telefonat mit meiner Schwester, ein gutes Buch. Manchmal ein Glas Wein, aber selten — ich hab schnell gemerkt, dass mein Wein-Konsum nach dem Cannabis-Aufhören gefährlich werden konnte, wenn ich nicht aufpasse. Da hab ich für mich entschieden, dass ich kein Wein-trinkender Mensch sein will, nur weil ich kein Cannabis-konsumierender Mensch mehr bin. Den Schritt empfehle ich auch in dem Sinn: wer aufhört, sollte sich klar machen, dass ein anderer Stoff schnell die Funktion übernehmen kann.

Was auch nicht weggegangen ist: die Erinnerung. Manchmal gehe ich an einem Park vorbei, rieche den vertrauten Geruch, und für eine Sekunde ist da ein Sog. Nicht stark. Nicht bedrohlich. Aber da. Das wird nicht ganz weggehen, glaube ich. Und das ist okay.

Warum ich nicht zurückwill

Ich werde manchmal gefragt, ob ich nie wieder werde. Ich sage immer: ich plane nicht für die Ewigkeit. Ich plane für heute. Heute will ich nicht zurück. Morgen will ich nicht zurück. In sechs Monaten werde ich es wieder fragen.

Was mich nicht zurückwollen lässt, ist nicht eine moralische Entscheidung. Es ist diese ganze Liste an Sachen, die sich verschoben haben. Meine Kinder. Mein Schlaf. Mein Mann und ich. Mein Körper. Wenn ich zurückwill, gebe ich nicht „nur“ das Cannabis zurück — ich gebe diese ganze Liste zurück. Und das will ich nicht.

Clean sein ist nicht jeden Tag ein Geschenk. Es ist die meisten Tage einfach Leben. Aber dieses Leben ist meins, ungeschminkt, ohne den Dämpfer, der drauflag. Wer wissen will, was körperlich und mental im ersten Jahr passiert, findet eine gute Übersicht in Was passiert im Körper, wenn du mit dem Kiffen aufhörst. Mein Tipp aus zwei Jahren Abstand: Es lohnt sich, auch wenn die Geschenk-Sätze in den ersten Wochen nicht stimmen.

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