Cannabis und Spermienqualität: Was die Daten wirklich zeigen

Junges Paar sitzt nachdenklich auf der Bettkante
Von Sabrina S.
Veröffentlicht am · Aktualisiert am

Eine Studie aus Dänemark wird immer wieder zitiert, wenn es um Cannabis und männliche Fruchtbarkeit geht. Sie ist nicht neu, sie beweist keine direkte Ursache, und sie ist trotzdem relevant, wenn du kiffst und irgendwann über Kinderwunsch nachdenkst.

Der Punkt ist nicht: Wer Cannabis konsumiert, wird unfruchtbar. So einfach ist es nicht, und so sollte man es auch nicht schreiben. Der Punkt ist vorsichtiger, aber ernst genug: In den Daten gab es einen Zusammenhang zwischen häufigerem Cannabis-Konsum und schlechteren Werten bei der Spermienqualität.

Für viele bleibt das Thema lange abstrakt. Solange kein Kinderwunsch im Raum steht, wirkt es wie eine weitere Gesundheitsmeldung, die man zur Kenntnis nimmt und wieder wegschiebt. Aber sobald die Frage konkreter wird, ob der eigene Körper gerade in guter Verfassung ist, fühlt sich dieselbe Information anders an.

Was die Daten zeigen

Die wichtigste Studie dazu stammt aus dem Jahr 2015. Gundersen TD und Kollegen untersuchten in einer dänischen Kohorte 1.215 gesunde junge Männer. Veröffentlicht wurde die Arbeit im American Journal of Epidemiology, die PubMed-ID lautet 26283092.

In dieser Untersuchung war Cannabis-Konsum häufiger als einmal pro Woche mit einer um 28 Prozent niedrigeren Spermienkonzentration und einer um 29 Prozent niedrigeren Gesamtspermienzahl verbunden. Das bedeutet: Die Männer, die häufiger als einmal pro Woche Cannabis konsumierten, hatten in diesen Messwerten niedrigere Werte als die Vergleichsgruppe.

Noch deutlicher waren die Unterschiede bei Männern, die Cannabis in Kombination mit anderen Drogen konsumierten. Dort lagen die Werte bei der Spermienkonzentration um 52 Prozent und bei der Gesamtspermienzahl um 55 Prozent niedriger.

Ein Review im Journal of Urology aus dem Jahr 2019 beschreibt ebenfalls Zusammenhänge zwischen Cannabis-Konsum, besonders in gerauchter Form, und verminderter Samenqualität. Auch das ist kein einzelner Beweis für eine direkte Ursache, aber es passt zu der Richtung, die in mehreren Auswertungen auftaucht.

Was die Daten nicht zeigen

Die Studie zeigt einen Zusammenhang. Sie zeigt nicht, dass Cannabis allein diese niedrigeren Werte verursacht hat. Das ist wichtig, weil viele Gesundheitsmeldungen genau an dieser Stelle zu schnell werden. Ein Zusammenhang bedeutet: Zwei Dinge treten gemeinsam auf. Er beweist noch nicht, dass das eine das andere direkt ausgelöst hat.

Außerdem ist die Studie aus dem Jahr 2015. Sie ist also keine neue Meldung. Wer so tut, als wäre gerade frisch bewiesen worden, dass Kiffen Männer unfruchtbar macht, macht den Befund größer, als er ist.

Offen bleibt auch, wie sich die Werte verändern, wenn jemand seinen Konsum reduziert oder beendet. Aus den gesicherten Fakten lässt sich nicht ableiten, ob der Effekt dauerhaft ist. Es lässt sich auch nicht sauber sagen, ob und wie schnell sich Werte wieder verbessern könnten. Genau deshalb wäre es unseriös, daraus ein Versprechen oder eine Drohung zu machen.

Es gibt auch keinen Grund, aus diesen Daten Panik zu bauen. Eine niedrigere Spermienkonzentration ist nicht dasselbe wie Zeugungsunfähigkeit. Fruchtbarkeit hängt von mehreren Faktoren ab, und einzelne Laborwerte erzählen nie die ganze Geschichte.

Warum das trotzdem relevant ist, wenn du sehr regelmäßig konsumierst

Kinderwunsch ist für viele der erste Moment, in dem die Frage nach Cannabis nicht mehr theoretisch bleibt. Vorher kann man sich lange sagen, dass man irgendwann weniger kifft, dass es gerade nicht passt oder dass es schon nicht so schlimm sein wird. Sobald es aber um den eigenen Körper und eine mögliche Schwangerschaft geht, wird aus einer allgemeinen Gesundheitsfrage eine persönliche Entscheidung.

Vielleicht bist du nicht an dem Punkt, an dem du sicher aufhören willst. Vielleicht schwankst du. Morgens ist der Gedanke klar, abends wirkt ein Joint wieder wie die einfachste Möglichkeit, runterzukommen. Genau in dieser Zwischenphase können solche Daten wichtig sein, nicht weil sie dich unter Druck setzen müssen, sondern weil sie den Konsum aus der Ausredecke holen.

Wenn du ohnehin merkst, dass Cannabis mehr Platz in deinem Leben einnimmt, als du willst, kann Kinderwunsch ein konkreter Anlass sein, den Konsum ernsthafter anzuschauen. Nicht aus Angst. Eher aus der nüchternen Frage heraus: Will ich meinem Körper gerade wirklich noch zusätzlich etwas zumuten, wenn ich gleichzeitig hoffe, dass er zuverlässig funktioniert?

Das ist keine moralische Frage. Es geht nicht darum, ob du dich schlecht fühlen sollst. Es geht darum, ob dein aktueller Konsum noch zu dem passt, was du in den nächsten Monaten von deinem Körper erwartest.

Was du tun kannst

  • Sprich bei Kinderwunsch mit einem Arzt. Wenn du dir Sorgen um deine Fruchtbarkeit machst oder schon länger versuchst, ein Kind zu bekommen, kläre das medizinisch ab. Verlasse dich nicht auf Internetquellen, einzelne Studienzusammenfassungen oder Kommentare in Foren.
  • Schau ehrlich auf dein Konsummuster. Es macht einen Unterschied, ob du selten konsumierst oder ob Cannabis fester Teil deiner Woche ist. Die Studie bezog sich auf Konsum häufiger als einmal pro Woche. Genau diese Grenze kann ein Anlass sein, genauer hinzusehen.
  • Verwechsle Beruhigung nicht mit Entwarnung. Es ist richtig, nicht in Panik zu geraten. Es ist aber auch zu bequem, die Daten komplett wegzuschieben, nur weil sie keine direkte Ursache beweisen.
  • Nimm den Kinderwunsch als konkreten Anlass. Wenn du schon länger über weniger Konsum oder einen Ausstieg nachdenkst, muss der Grund nicht dramatisch sein. Manchmal reicht ein Punkt, der plötzlich ernst genug ist.

Die Daten sagen nicht, dass Cannabis jeden Mann unfruchtbar macht. Sie sagen aber genug, um bei regelmäßigem Konsum und Kinderwunsch nicht einfach weiterzumachen, als wäre die Frage egal.

Wenn du gerade schwankst, ist das kein Beweis gegen dich. Es ist ein Hinweis, dass die Entscheidung vielleicht näher ist, als du sie bisher an dich herangelassen hast.

Über den Autor

Sabrina S. · AZK-Team

Schreibt für aufhoerenzukiffen.de über Cannabis, Entzug und den Weg zurück in einen Alltag ohne Konsum. Alle Meldungen in diesem Bereich werden an der Originalquelle geprüft, bevor sie erscheinen.

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