Wann ist der Cannabis-Entzug am stärksten: und wie du es überlebst

Mann stützt sich in der Küche ab und atmet tief durch

Wann ist der Cannabis-Entzug am stärksten? Das ist die Frage, die fast jeder vor dem ersten Tag stellt, weil er sich wenigstens grob darauf einstellen will. Meistens hört man dann: „Tag 3 ist der schlimmste.“ Ganz falsch ist das nicht, körperlich liegen die härtesten Tage zwischen Tag 2 und Tag 6. Für den Entzug als Ganzes stimmt das aber nicht.

Die ehrliche Antwort hat drei Spitzen, die zu verschiedenen Zeiten kommen. Wer nur eine davon kennt, ist überrascht, wenn ab Woche 2 noch einmal eine Welle kommt oder nach sechs, sieben Wochen plötzlich wieder der Drang da ist. Hier die drei Spitzen, in welcher Reihenfolge sie kommen, und was bei jeder konkret hilft.

Das Wichtigste in Kürze

  • Körperlich ist der Entzug zwischen Tag 2 und Tag 6 am stärksten. Er beginnt meist 24 bis 48 Stunden nach dem letzten Joint, nach ein bis zwei Wochen lässt das meiste deutlich nach.
  • Der zweite Höhepunkt ist seelisch. Wut und gedrückte Stimmung sind bei vielen erst ab etwa Woche 2 am stärksten, mitten in der Resilienz-Phase.
  • An den härtesten Tagen zählt nur, den Tag ohne Joint zu schaffen: kleine Mahlzeiten, viel trinken, kurz raus und nichts Großes vornehmen.
  • Auch nach Wochen kann der Suchtdruck noch einmal heftig kommen. Das ist eine alte Gewohnheit, die sich meldet, und kein neuer Entzug.

Warum es nicht den einen schlimmsten Tag gibt

Wenn Leute „Entzug“ sagen, meinen sie meistens die ersten Tage: durchgeschwitzte Nächte, kein Hunger, Unruhe. Das ist der erste Höhepunkt, und er ist gut erforscht.

Der zweite kommt später und leiser. Wenn der Körper sich beruhigt hat, sind die Gefühle dran. Viele trifft das unvorbereitet, weil sie dachten, das Schlimmste sei längst vorbei.

Dazu kommt eine dritte, kürzere Welle: Suchtdruck, der nach Wochen plötzlich wieder da ist. So verteilt sich das auf unsere drei Phasen:

Wie stark der Entzug in welcher Phase ist

  1. Reset: Tag 1 bis 5Der Entzug beginnt nach 24 bis 48 Stunden. Zwischen Tag 2 und Tag 6 liegt der körperliche Höhepunkt mit Schwitzen, Unruhe, schlechtem Schlaf und kaum Hunger.
  2. Resilienz: Tag 5 bis Woche 3 oder 4Der Körper wird ruhiger. Dafür kommt bei vielen ab etwa Woche 2 der seelische Höhepunkt mit Gereiztheit, Traurigkeit, Leere und Zweifeln.
  3. Fokus: bis Woche 7Die Wellen werden seltener und kürzer. Suchtdruck kommt vor allem noch an alten Orten und in alten Situationen.
  4. Danach: bis etwa 3 MonateNach langem, starkem Konsum braucht vor allem der Schlaf so lange. Einzelne Wellen werden schwächer und seltener.

Wie die drei Phasen insgesamt ablaufen, steht in So laufen die 3 Phasen des Cannabis-Entzugs ab. Hier geht es um die Höhepunkte und darum, wie du sie überstehst.

Der körperliche Höhepunkt: Tag 2 bis 6

Eine bekannte Studie aus den USA hat Kiffer 45 Tage lang nach dem Aufhören begleitet. Die Beschwerden setzten meist zwischen Tag 1 und Tag 3 ein. Am stärksten waren sie zwischen Tag 2 und Tag 6, und die meisten dauerten 4 bis 14 Tage.

Warum es gerade jetzt so heftig ist, zeigt eine Studie der Universität Yale. Wer nach 2 Tagen ohne Cannabis die wenigsten Andockstellen für THC im Gehirn hatte, litt auch am stärksten unter dem Entzug. Dein Körper hat sich an das THC angepasst und muss sich jetzt zurückstellen.

So sieht für viele ein typischer Tag 3 aus: Du wachst um vier nass geschwitzt auf und schläfst nicht mehr ein. Zum Frühstück bekommst du nichts runter. Mittags bist du gereizt, und abends wird der Drang so laut, dass du kaum noch an etwas anderes denken kannst.

Die seltsamen, sehr echten Träume erreichen ihren Höhepunkt bei vielen erst um Tag 4. Frauen haben im Schnitt etwas stärkere Beschwerden, etwa Übelkeit und Bauchschmerzen.

Alle Beschwerden im Überblick findest du bei den 12 häufigsten Entzugserscheinungen durch Cannabis.

Was an den härtesten Tagen konkret hilft

Zwischen Tag 2 und Tag 6 brauchst du keinen großen Plan. Du brauchst ein paar einfache Handgriffe, die du auch schaffst, wenn du kaum geschlafen hast.

Mach den Tag klein

Sag ab, was warten kann. Diese Tage sind nicht für Steuererklärung, Umzug oder schwierige Gespräche gedacht.

Ein guter Tag in dieser Zeit ist ein Tag ohne Joint, mehr musst du nicht schaffen.

Iss und trink, auch ohne Hunger

Kleine Portionen gehen besser als große: ein Brot, eine Banane, eine Suppe. Iss lieber fünfmal wenig als einmal gar nichts.

Trink über den Tag verteilt Wasser oder Tee. Durch das Schwitzen in der Nacht verlierst du mehr Flüssigkeit, als du denkst.

Richte dir die Nacht ein

Halte das Schlafzimmer kühl und leg ein frisches Shirt und ein Handtuch neben das Bett. Dann musst du um drei Uhr nicht danach suchen.

Wenn du lange wach liegst, steh kurz auf, statt dich herumzuwälzen. Manche nehmen abends Magnesium oder Baldrian zum Entspannen. Ein Mittel gegen den Entzug ist beides nicht.

Beweg dich, aber locker

Ein Spaziergang oder eine ruhige Runde mit dem Rad reicht. Hartes Training ist in diesen Tagen eher zu viel.

In Studien hing Bewegung im Entzug mit weniger Suchtdruck zusammen. Außerdem bist du abends müder, und das hilft beim Einschlafen.

Lass die Welle vorbeiziehen

Suchtdruck baut sich auf, erreicht einen Gipfel und flacht wieder ab. Nach unserer Erfahrung ebbt so eine Welle oft nach etwa 20 Minuten ab, wenn du ihr nicht nachgibst.

Stell dir einen Timer, geh vor die Tür oder stell dich unter die Dusche. Wenn der Timer klingelt, ist der Druck meist schon leiser.

Der seelische Höhepunkt: in der Resilienz-Phase

Um Tag 5 endet die Reset-Phase. Das Schwitzen lässt nach, ab Tag 6 oder 7 kommt der Hunger zurück. Viele atmen auf, und ein paar Tage später wird es innerlich schwerer. So unterscheiden sich die beiden Höhepunkte:

Körperlicher und seelischer Höhepunkt im Vergleich

FrageKörperlicher HöhepunktSeelischer Höhepunkt
WannTag 2 bis 6, in der Reset-PhaseAb etwa Woche 2, in der Resilienz-Phase
Was du merkstSchwitzen, Unruhe, schlechter Schlaf, kaum HungerGereiztheit, Traurigkeit, Leere, Zweifel
Woher es kommtDein Körper vermisst das THCGefühle kommen ohne Dämpfer bei dir an
Wie sich der Drang anfühltKörperlich, fast wie HungerAls Gedanke: Wozu das alles?
Wie langeMeist 4 bis 14 TageOft mehrere Wochen

Eine große Übersichtsarbeit von 2022 beschreibt genau das. Wut und gedrückte Stimmung können schon in der ersten Woche auftreten, sind aber typischerweise erst nach zwei Wochen am stärksten. Der seelische Höhepunkt kommt also, wenn der körperliche schon vorbei ist.

Jahrelang hat Cannabis Ärger, Langeweile und Traurigkeit gedämpft. Jetzt kommt alles direkt bei dir an. Der Kollege nervt mehr als sonst, ein Sonntag allein fühlt sich endlos an, und manche weinen bei einem Werbespot.

Gefährlich wird in dieser Zeit vor allem der Zweifel. Du bist zwei Wochen clean und fühlst dich schlechter als mit Gras. Bei vielen beginnt dann dieser Kreis:

Wie der Zweifel dich runterzieht

Du bist zwei Wochen clean und fühlst dich trotzdem mies
→
Du denkst: Dann bringt das Aufhören ja nichts
↑
↓
Ohne Halt wird der nächste Tag noch grauer
←
Du lässt Sport, Freunde und Pläne schleifen

Nach unserer Erfahrung ist die Rückfallgefahr in der Resilienz-Phase am höchsten. Nicht weil es am meisten wehtut, sondern weil der Kopf jetzt vernünftig klingende Gründe liefert.

Was an den schweren Tagen der Resilienz-Phase hilft

Rechne mit dem Tief

Wenn du weißt, dass um Woche 2 ein Tief kommen kann, erschrickst du weniger. Ein grauer Dienstag ist dann kein Beweis, dass das Aufhören falsch war.

Er ist ein Zeichen, dass du mitten in der Phase steckst, in der sich die meisten Gefühle sortieren.

Lies deine Gründe vom ersten Tag

Schreib dir am Anfang auf, warum du aufhörst. Ganz konkret, zum Beispiel: Ich will morgens ohne Nebel aufwachen. Ich will am Monatsende Geld übrig haben. Wünschst du dir Kinder, kann auch das ein Grund sein, die Zahlen dazu stehen in Kiffen und Spermienqualität.

Im Tief liest du diesen Zettel. Dann hält die Person dagegen, die du vor zwei Wochen warst.

Halte deinen Rahmen, auch ohne Lust

Feste Zeit zum Aufstehen, feste Mahlzeiten, Bewegung als fester Termin. Wer in dieser Phase wartet, bis er Lust hat, wartet oft vergeblich.

Geh morgens kurz ans Tageslicht, auch wenn es nur zehn Minuten zum Bäcker sind. So bekommt der Tag einen Anfang.

Sag einem Menschen, wo du stehst

Ein Satz reicht: Ich bin gerade in einer schweren Phase vom Aufhören. Du musst nicht alles erklären.

Wer Bescheid weiß, kann nachfragen, wenn du dich zurückziehst. Allein in der Wohnung werden die Grübeleien meist lauter.

Die späte Welle: Suchtdruck nach Wochen

Du bist sechs oder sieben Wochen clean, der Kopf ist klarer, die Stimmung stabiler. Dann sitzt du an einem Freitagabend auf dem Sofa, auf dem du früher gekifft hast, und plötzlich ist der Drang wieder da. So stark, wie du ihn seit Wochen nicht hattest.

Das ist kein neuer Entzug. Dein Kopf erinnert sich an eine Verknüpfung, die er jahrelang gelernt hat: dieser Ort, diese Uhrzeit, dieses Gefühl und dazu ein Joint. Typische Auslöser sind alte Freunde, ein Streit, ein bestimmter Geruch oder ein freier Abend ohne Plan.

Nach unserer Erfahrung sind diese späten Wellen kürzer als die ersten, aber sie überraschen. Wechsle sofort den Ort, geh kurz raus und schreib jemandem, egal worüber. Mit den Wochen werden sie seltener. Mehr dazu steht in Rückfall beim Kiffen aufhören.

Cover des kostenlosen E-Books: Warum du es nicht schaffst, mit dem Kiffen aufzuhören

E-Book

Du willst mit dem Kiffen aufhören, aber es fühlt sich unmöglich an?

Unser kostenloses E-Book zeigt dir, warum Willenskraft eine Lüge ist, was dich zurückzieht und wie du es diesmal schaffst. Trag deine E-Mail ein und wir schicken es dir kostenlos zu.

Was den Entzug stärker oder schwächer macht

Nicht jeder erlebt die Höhepunkte gleich stark. Laut einer Übersichtsarbeit von 2017 ist der Entzug im Schnitt stärker, je länger und je mehr jemand gekifft hat. Frauen berichten von stärkeren Beschwerden als Männer.

Erwachsene mit einer Abhängigkeit haben eher einen starken Entzug als Jugendliche, die viel kiffen. Wer zehn Jahre jeden Abend geraucht hat, sollte sich also auf härtere erste Tage einstellen als jemand, der nur am Wochenende gekifft hat.

Einiges kannst du selbst beeinflussen. Wer in den ersten Wochen auf seinen Schlaf achtet, Alkohol weglässt und nicht nur zu Hause sitzt, hat es nach unserer Erfahrung leichter. Wer schon vorher mit Angst oder Depression zu tun hatte, holt sich am besten früh Begleitung und wartet nicht, bis es eng wird.

Wie die erste Woche Tag für Tag abläuft, liest du in Cannabis-Entzug: die erste Woche.

Wann du dir Hilfe holen solltest

Hol dir Hilfe, wenn ein Tief über Wochen nicht besser wird, wenn Panik dazukommt oder wenn du Alkohol oder andere Drogen nimmst, um durchzukommen. Die Beratungsstellen für Cannabiskonsumenten helfen anonym und kostenlos.

Hast du Gedanken, dir etwas anzutun, ruf sofort die 112. Reden kannst du jederzeit und kostenlos mit der Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111.

Fazit

Der Cannabis-Entzug hat zwei Höhepunkte. Körperlich ist er zwischen Tag 2 und Tag 6 am stärksten, seelisch bei vielen ab etwa Woche 2, wenn der Körper schon ruhiger ist. Wer beide kennt, hält das Tief in der Resilienz-Phase nicht für ein Scheitern.

Mach die härtesten Tage klein, halte in der Resilienz-Phase deinen Rahmen und rechne mit einer späten Welle. Wenn du diese Wochen nicht allein durchstehen willst, begleitet dich unser Online-Programm durch alle drei Phasen bis in den neuen Alltag.

Häufige Fragen

Welcher Tag ist wirklich der schlimmste?

Körperlich liegt der stärkste Tag bei den meisten zwischen Tag 2 und Tag 6. Seelisch wird es bei vielen erst ab etwa Woche 2 am schwersten, wenn der Körper schon ruhiger ist.

Stimmt es, dass die zweite Woche schlimmer ist als die erste?

Körperlich nicht, da ist die zweite Woche meist leichter. Seelisch kann sie schwerer sein, weil Wut und gedrückte Stimmung typischerweise nach etwa zwei Wochen am stärksten sind. Wer das vorher weiß, hält es nicht für ein Scheitern.

Wie lange dauert der Höhepunkt?

Die meisten körperlichen Beschwerden dauern 4 bis 14 Tage. Der seelische Höhepunkt zieht sich oft über mehrere Wochen bis zum Ende der Resilienz-Phase, also Woche 3 oder 4. Der Schlaf braucht bei vielen bis Woche 7, nach langem, starkem Konsum bis etwa 3 Monate.

Warum kommt der Suchtdruck nach Wochen noch einmal so stark?

Weil dein Kopf bestimmte Orte, Uhrzeiten und Gefühle jahrelang mit dem Joint verknüpft hat. Der Drang kommt dann aus der Gewohnheit, nicht aus dem Körper. Nach unserer Erfahrung werden diese Wellen mit den Wochen kürzer und seltener.

Helfen Magnesium oder Baldrian an den härtesten Tagen?

Manche fühlen sich damit abends etwas ruhiger. Gegen den Entzug selbst sind beide kein Mittel. Mehr bringen nach heutigem Wissen Schlafregeln, Bewegung, genug Essen und Trinken.

Was, wenn ich eine Spitze gerade nicht mehr aushalte?

Wenn ein Tief über Tage nicht abklingt, schlimmer wird oder Panik und dunkle Gedanken dazukommen, hol dir sofort Hilfe. Die Beratungsstellen für Cannabiskonsumenten sind anonym und kostenlos. Im Notfall ruf die 112, reden kannst du jederzeit mit der Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111.

Ben C., Texter im AZK-Team

Über den Autor

Ben C. · Texter im AZK-Team

Ben C. hat sechs Jahre konsumiert. Er hat in einer Entzugsklinik gearbeitet und dort auch seinen eigenen Entzug gemacht. Dadurch kennt er Cannabis-Entzug aus eigener Erfahrung und aus dem Klinikalltag.

Mehr über das AZK-Team →

Beitrag mit Freunden teilen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Das könnte dich auch interessieren