20 Jahre täglich gekifft: Ist Aufhören noch möglich?

Wie auch Langzeit-Kiffer aufhören können

Als Langzeit-Kiffer aufhören zu wollen, bringt oft einen besonderen Gedanken mit: Ist es nicht längst zu spät? Wenn du 10, 15 oder 20 Jahre täglich gekifft hast, fühlt sich Cannabis nicht mehr wie eine Phase an. Es fühlt sich an wie ein Teil deiner Identität.

Genau das macht den Schritt so groß. Du lässt nicht nur eine Gewohnheit weg. Du stellst infrage, wie du deine Abende, Gefühle, Beziehungen und vielleicht sogar dein Selbstbild geregelt hast.

Trotzdem ist Aufhören möglich. Leicht ist es nicht, aber dein Kopf und dein Körper erholen sich auch nach so vielen Jahren.

Das Wichtigste in Kürze

  • Auch nach 20 Jahren und mehr kannst du aufhören. Dein Gehirn erholt sich: Die Andockstellen für THC waren in einer Studie nach etwa 4 Wochen ohne Cannabis wieder auf normalem Stand, auch bei jahrelangen Kiffern.
  • Wer lange und viel gekifft hat, hat im Schnitt einen stärkeren Entzug. Schlaf, Antrieb und Stimmung brauchen nach so vielen Jahren oft bis etwa 3 Monate.
  • Oft schwerer als der Körper ist die Frage: Wer bin ich ohne? Das fremde Gefühl am Anfang ist kein Beweis dafür, dass du ohne Cannabis nicht funktionierst.
  • Bei Alkohol, anderen Drogen oder psychischen Erkrankungen hol dir ärztliche Begleitung dazu.

Ist es nach 20 Jahren nicht längst zu spät?

Du hast mit 17 oder 18 angefangen. Heute bist du Anfang 40. Deine erste Wohnung, dein erster Job, deine Beziehung, vielleicht die Geburt deiner Kinder: Alles lief mit Joint am Abend. Cannabis ist bei dir keine Phase, es ist die Kulisse deines ganzen Erwachsenenlebens.

Deshalb fühlt sich die Frage so groß an. Du lässt nicht nur eine Gewohnheit weg. Du stellst infrage, wie du deine Abende, deine Gefühle, deine Freundschaften und dein Bild von dir selbst geregelt hast.

Trotzdem ist es nicht zu spät. Dein Körper und dein Gehirn können sich auch nach so langer Zeit erholen, dazu gleich mehr. Was länger braucht, ist der Alltag drumherum. Aufhören nach 20 Jahren ist nicht unmöglich, es ist ein Umbau, der Monate dauert und nicht Tage.

„Ich kenne mich gar nicht ohne“

Diesen Satz hören wir von Langzeit-Kiffern oft. Und er stimmt ja. Das letzte Mal, dass du über Wochen nüchtern warst, warst du ein Teenager. Wie du als Erwachsener ohne Joint bist, weißt du schlicht nicht.

In den ersten Wochen fühlt sich das nüchterne Ich dann oft fremd an. Du bist gereizt, müde, flach und weißt abends nicht, wohin mit dir. Viele ziehen daraus den falschen Schluss: So bin ich also ohne. Dann kiffe ich lieber wieder.

Daraus entsteht bei vielen ein Kreis, der sich über Jahre wiederholt:

Warum das nüchterne Ich nie eine Chance bekommt

Nüchtern fühlst du dich fremd und leer
→
Du denkst: Das bin nicht ich
↑
↓
Das nüchterne Ich bekommt wieder keine Zeit
←
Du kiffst, um dich wieder normal zu fühlen

Was du in den ersten Wochen erlebst, ist nicht dein wahres Ich. Es ist ein Gehirn, das sich gerade umstellt. Wer du ohne Cannabis bist, zeigt sich nicht an Tag 10, sondern nach ein paar Monaten.

Viele Langzeit-Kiffer erzählen, dass sie sich irgendwann an Seiten von sich erinnern, die sie vergessen hatten. Der Typ, der früher gern gezeichnet hat. Die Frau, die morgens Lust hatte, laufen zu gehen. Das kommt nicht von allein, aber es kommt.

Was nach so vielen Jahren in deinem Gehirn passiert ist

Dein Gehirn hat eigene Andockstellen, an denen THC wirkt. Wenn jahrelang jeden Tag THC kommt, baut das Gehirn einen Teil davon ab, um sich zu schützen. Deshalb brauchst du irgendwann mehr für dieselbe Wirkung, und ohne fühlst du dich schlecht.

Eine Forschergruppe der US-Gesundheitsbehörde hat das 2012 mit Hirnscans bei Menschen gemessen, die jahrelang jeden Tag gekifft hatten. Je mehr Jahre jemand gekifft hatte, desto weniger dieser Andockstellen waren da. Gerade für dich mit 20 Jahren ist aber das Ergebnis danach wichtig.

Nach etwa vier Wochen ohne Cannabis war die Zahl der Andockstellen wieder auf normalem Stand. Eine Übersichtsarbeit von 2017 beschreibt dasselbe: Die Erholung beginnt in den ersten zwei Tagen und ist nach etwa vier Wochen abgeschlossen. Dein Gehirn hat das nicht verlernt, es braucht nur Zeit ohne THC.

Auch beim Denken sieht es besser aus, als viele befürchten. In einer Auswertung von 13 Studien zeigten Menschen, die mindestens 25 Tage nicht gekifft hatten, in Tests zu Gedächtnis und Konzentration keine messbaren Nachteile mehr gegenüber Nichtkiffern.

Das heißt nicht, dass nach vier Wochen alles erledigt ist. Die Andockstellen sind ein Teil. Gewohnheiten, Schlaf und Stimmung brauchen länger, besonders nach so vielen Jahren. Wer lange und viel gekifft hat, hat laut der Übersichtsarbeit auch im Schnitt einen stärkeren Entzug.

Was sich nach Wochen und Monaten verbessert

Nach 20 Jahren reicht der Blick auf die ersten Tage nicht. Spannend wird es danach, wenn sich Stück für Stück zeigt, was zurückkommt. So sieht das in unseren drei Phasen aus:

Was sich nach langem Konsum Schritt für Schritt verändert

  1. Reset: Tag 1 bis 5Der Entzug beginnt meist nach 24 bis 48 Stunden und ist zwischen Tag 2 und Tag 6 am stärksten. Schlaf, Appetit und Stimmung sind durcheinander.
  2. Resilienz: Tag 5 bis Woche 3 oder 4Der Körper wird ruhiger. In diesen Wochen erholen sich auch die Andockstellen im Gehirn. Dafür kommen Leere, Gereiztheit und das fremde Gefühl.
  3. Fokus: bis Woche 7Der Kopf wird klarer, Gespräche und Arbeit fallen leichter. Der Schlaf braucht bei vielen bis etwa hier.
  4. Danach: bis etwa 3 MonateNach vielen Jahren mit viel Cannabis dauert die Umstellung oft so lange. Antrieb, Schlaf und Stimmung werden in dieser Zeit stabiler.

Nach unserer Erfahrung merken Langzeit-Kiffer die Fortschritte selten an einem bestimmten Tag. Eher fällt dir nach zwei Monaten auf, dass du morgens ohne Nebel aufwachst. Dass du dich an das Gespräch von gestern erinnerst. Dass am Monatsende Geld übrig ist.

Viele bekommen wieder Lust auf Dinge, die ihnen jahrelang egal waren. Die Veränderung ist leise, aber nach drei Monaten sehen viele ihr Leben deutlich klarer als nach drei Wochen. Wie der Verlauf im Einzelnen aussieht, steht in So laufen die 3 Phasen des Cannabis-Entzugs ab.

Mit 40 aufhören ist anders als mit 20

Mit Anfang 20 hättest du vielleicht zwei Wochen frei nehmen und dich zurückziehen können. Mit 40 hast du einen Job, vielleicht Kinder, einen Kredit und einen Partner, der morgens um sieben mit dir redet. Der Entzug läuft mitten im vollen Leben.

Dazu kommt: Erwachsene mit einer Abhängigkeit entwickeln laut der Übersichtsarbeit eher einen starken Entzug als Jugendliche, die viel kiffen. Wenn die Kinder um 21 Uhr schlafen und du auf dem Balkon stehst, wo sonst der Joint kam, ist das kein kleiner Moment.

Du hast aber auch etwas, das du mit 20 nicht hattest. Du kennst deine Muster. Du weißt, an welchen Abenden es kritisch wird. Und du hast Gründe, die mit 20 noch fehlten: deine Gesundheit, deine Kinder, die Jahre, die noch vor dir liegen.

Wenn dir in dieser Zeit die Energie fehlt, lies Keine Energie nach dem Kiffen aufhören.

Der Fehler: Alles Verpasste sofort nachholen wollen

Viele Langzeit-Kiffer starten mit riesigem Druck. Jetzt muss ich mein ganzes Leben aufholen: Sport, Karriere, Beziehung, Ordnung, alles sofort. Das ist verständlich, aber gefährlich.

Wenn du 20 Jahre ein Muster hattest, brauchst du nicht 20 perfekte Tage, um alles zu reparieren. Du brauchst einen stabilen Anfang. Zu viel Druck macht dich fertig, und genau das war für viele früher der Grund, wieder zu kiffen.

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Wie du nach so vielen Jahren startest

Der erste Schritt ist nicht, sofort ein neues Leben zu bauen. Der erste Schritt ist, den alten Kreis zu unterbrechen und stabil zu bleiben. Drei Dinge sind nach langem Konsum besonders wichtig.

Rechne in Monaten, nicht in Tagen

Wer nach 20 Jahren erwartet, dass nach zwei Wochen alles leicht ist, wird enttäuscht. Und Enttäuschung ist ein gefährlicher Moment.

Setz dir lieber ein Ziel wie: Ich schaue nach drei Monaten, wo ich stehe. Bis dahin zählt nur, dass du dranbleibst. Schau einmal pro Woche zurück, nicht jeden Abend. So siehst du Fortschritte, die von Tag zu Tag unsichtbar sind.

Plan die ersten 14 Abende

Nach so vielen Jahren gehört der Abend dem Joint. Plane deshalb gleich die ersten zwei Wochen. Was machst du um 21 Uhr, wenn die Kinder schlafen oder der Fernseher läuft?

Das kann der Spaziergang mit dem Hund sein, das Telefonat mit deinem Bruder, die Werkbank im Keller oder einfach früh ins Bett. Es muss nicht spannend sein. Hauptsache, die Zeit um 21 Uhr hat einen Plan.

Lass dem nüchternen Ich Zeit

Neue Hobbys machen am Anfang oft keine Freude. Schuld ist meist dein Gehirn, das sich noch umstellt. Probier trotzdem Dinge aus und bewerte sie erst nach ein paar Wochen.

Frag dich nach und nach ehrlich: Was interessiert mich wirklich? Welche Menschen tun mir gut? Wovor bin ich all die Jahre geflüchtet? Diese Fragen sind der eigentliche Ausstieg.

Wie andere Dauerkiffer die ersten Wochen erlebt haben und was ihnen geholfen hat, liest du in Dauerkiffer Entzug: Erfahrungen, die dich vorbereiten. Den Start im Einzelnen planst du mit Kiffen aufhören Schritt für Schritt und dem Cannabis-Entzug Guide.

Wann du dir Hilfe holen solltest

Hol dir medizinische oder therapeutische Hilfe, wenn die Beschwerden sehr stark werden oder nicht nachlassen. Das gilt auch, wenn du dich psychisch nicht sicher fühlst oder zusätzlich Alkohol, Beruhigungsmittel oder andere Drogen nimmst.

Nach 20 Jahren steckt hinter dem Kiffen oft auch ein altes Thema, das nie Platz hatte: Angst, Trauer, eine Depression. Hilfe ist dann der sicherere Weg. Ein guter erster Schritt ist eine Suchtberatungsstelle oder deine Hausarztpraxis.

Hast du Gedanken, dir etwas anzutun, ruf die 112 oder die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111. Hast du Angst vor einem Rückfall, lies Rückfall beim Kiffen aufhören.

Fazit

Als Langzeit-Kiffer aufzuhören ist kein kleiner Vorsatz, es ist ein echter Umbau. Aber es ist nicht zu spät. Dein Gehirn erholt sich auch nach 20 Jahren, und nach ein paar Monaten lernst du jemanden kennen, den du lange nicht gesehen hast: dich selbst ohne Joint.

Fang stabil an, rechne in Monaten und hol dir Hilfe, wenn es zu viel wird. Wenn du diesen Weg nicht allein gehen willst, begleitet dich unser Online-Programm Schritt für Schritt vom letzten Joint bis in den neuen Alltag.

Häufige Fragen

Kann man nach 20 Jahren Kiffen noch aufhören?

Ja. Auch nach 20 Jahren und mehr ist Aufhören möglich. Der Körper erholt sich, das Gehirn auch. Was Zeit braucht, sind Schlaf, Stimmung und die Gewohnheiten im Alltag, nach so langer Zeit oft bis etwa drei Monate.

Erholt sich das Gehirn nach so langer Zeit überhaupt?

Nach heutigem Wissen erholt es sich. In einer Studie mit Hirnscans waren die Andockstellen für THC bei jahrelangen Kiffern nach etwa vier Wochen ohne Cannabis wieder auf normalem Stand. In Tests zu Gedächtnis und Konzentration fanden Forscher nach mindestens 25 Tagen Pause keine messbaren Nachteile mehr.

Ist der Entzug nach langem Konsum schlimmer?

Im Schnitt ist er das. Wer länger und mehr gekifft hat, hat laut Fachliteratur eher einen stärkeren Entzug. Dazu kommt, dass nach 20 Jahren fast jeder Abend und jede Gewohnheit mit Cannabis verknüpft ist.

Warum fühle ich mich ohne Cannabis wie ein Fremder?

Weil du als Erwachsener vielleicht nie längere Zeit nüchtern warst. Dazu stellt sich dein Gehirn in den ersten Wochen noch um. Das fremde Gefühl wird bei den meisten mit den Monaten schwächer.

Bin ich mit über 40 zu alt zum Aufhören?

Nein. Der Entzug läuft mit Job und Familie zwar mitten im vollen Leben. Dafür kennst du deine Muster besser als mit 20 und hast oft klarere Gründe, warum du aufhören willst.

Brauche ich Hilfe?

Wenn du schon mehrmals gescheitert bist, psychisch stark belastet bist oder zusätzlich Alkohol oder andere Drogen nimmst, ja. Dann sind eine Suchtberatung oder deine Hausarztpraxis gute erste Anlaufstellen.

Mike R., Texter im AZK-Team

Über den Autor

Mike R. · Texter im AZK-Team

Mike R. schreibt als Texter im AZK-Team. Er hat zwölf Jahre lang jeden Tag konsumiert, wurde über eine Suchtberatung clean und hat später selbst dort gearbeitet. Heute lebt er im Ausland.

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