
Mein Kind kifft in der Schule: Was Eltern jetzt tun
ist ein Thema, bei dem viele erst anfangen zu suchen, wenn es schon unangenehm geworden ist. Vielleicht bist du gerade mitten im Konsum, mitten im Entzug...
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Wenn dein Jugendlicher kifft, ist das Ansprechen schwerer als jedes andere schwierige Gespräch in eurer Beziehung. Du willst ihn schützen, du willst nicht der spießige Erwachsene sein, du willst dass er ehrlich mit dir reden kann, und du willst aber auch nicht, dass er weitermacht. Diese Spannung ist nicht aufzulösen — aber du kannst sie besser oder schlechter handhaben.
Hier kommt eine ehrliche Anleitung, wie du das Gespräch führst, ohne ihn zu verlieren. Was funktioniert, was nicht, und welche Zeichen dir sagen, ob du in einem Bereich bist, der noch „normales Experimentieren“ ist — oder schon mehr.
Bevor du das Thema ansprichst, lohnt sich kurze Reflexion. Diese Fragen sind für dich, nicht für ihn.
Was ist dein eigentlicher Anlass? Hast du gerade konkrete Information (Joint gesehen, Geruch, Verhalten verändert), oder ist es eine vage Sorge? Die Eröffnungs-Form ist je nachdem unterschiedlich.
Wie wahrscheinlich ist regelmäßiger Konsum? Ein Joint mit Freunden auf einer Party ist etwas anderes als tägliches Konsumieren vor der Schule. Du musst nicht sicher sein, aber die Eröffnung sollte zur wahrscheinlichen Lage passen — nicht zur Worst-Case-Vermutung.
Was hast du selbst gemacht in dem Alter? Wer selbst experimentiert hat, fährt mit einem differenzierteren Blick rein. Wer ehrlich zugeben kann, dass er nicht der „immer perfekte“ war, hat eine andere Glaubwürdigkeit.
Was wäre dein realistisches Ziel? Sofortiges Aufhören? Reduktion? Ehrlichkeit über das tatsächliche Verhalten? Mehr Aufmerksamkeit auf Warnzeichen? Wer ohne klares Ziel ins Gespräch geht, eskaliert leichter.
Den Hintergrund zu jugendlichem Konsum liefert der Artikel 8 Gründe gegen Kiffen in der Jugend.
Wie du das Gespräch eröffnest, ist fast wichtiger als der Inhalt. Vier Punkte zählen:
Keine Eskalations-Momente. Nicht direkt nach einem Konsum-Vorfall, nicht im Streit, nicht wenn er gerade nach Hause kommt. Sondern eine ruhige Situation.
Keine Öffentlichkeit. Nicht beim Abendessen mit Geschwistern, nicht im Auto mit Mutter und Vater zusammen wie eine Inquisition. Allein, vier Augen.
Nicht im seinem Zimmer. Sein Territorium macht ihn defensiv. Ein neutraler Raum — Küche, Wohnzimmer, Spaziergang.
Genug Zeit. Nicht 5 Minuten vor seinem nächsten Termin. Sondern eine Situation, in der beide nicht hetzen müssen.
Die Eröffnung entscheidet meistens, ob das Gespräch öffnet oder die Tür zugeht. Was in der Praxis funktioniert:
Konkret, nicht hypothetisch. „Ich hab letzte Woche in deinem Zimmer einen Joint gesehen.“ Nicht: „Ich hab mir Sorgen gemacht, ob du was nimmst.“
Ohne sofortige Bewertung. Nicht „du machst was Verbotenes“ oder „weißt du, wie gefährlich das ist“. Sondern: „Ich möchte verstehen, wie das für dich gerade ist.“
Frage statt Aussage. Eine Frage lädt zu einer Antwort ein. Eine Aussage lädt zu einer Verteidigung ein. „Wie ist das aktuell für dich?“ funktioniert besser als „du machst was Falsches“.
Eigene Position klar, aber nicht im ersten Satz. Du musst deine Sicht nicht verbergen — aber du musst sie auch nicht als Eröffnung verwenden. Erst zuhören, dann ergänzen.
Wenn das Gespräch läuft, sind ein paar Sachen entscheidend.
Mehr zuhören als reden. In den ersten 20 Minuten möglichst wenig eigene Bewertung. Fragen stellen, nachhaken, verstehen. Was reizt ihn am Konsum? Mit wem konsumiert er? Wie oft? Was sagen seine Freunde? Was würde ihn motivieren, weniger zu machen?
Echte Information ernst nehmen. Wenn er erzählt, dass er es nur am Wochenende macht — überlege, ob du das glauben kannst, ohne ihn als Lügner abzustempeln. Wenn er erzählt, dass es im Freundeskreis verbreitet ist — überlege, was das für sein Setting bedeutet.
Differenziert reagieren. Nicht alles ist gleich. Einmaliges Experimentieren ist nicht regelmäßiger Konsum. Konsum am Wochenende mit Freunden ist nicht morgendlicher Konsum vor der Schule. Wer differenziert reagiert, wird ernst genommen.
Eigene Sicht klar äußern, ohne Drama. „Ich kann das nicht akzeptieren, wenn es täglich wird.“ „Ich mache mir Sorgen, weil dein Gehirn gerade in einer wichtigen Reifungs-Phase ist.“ Klare Aussagen, ohne Maximalverurteilung.
Konkrete Vereinbarung statt Pauschalforderung. Nicht „du hörst sofort auf“ — sondern „nicht vor der Schule“, „nicht in der Wohnung“, „nicht mit Z., der dich runterzieht“. Realistische Schritte, die er einhalten kann.
Es gibt Konstellationen, in denen ein normales Eltern-Kind-Gespräch nicht reicht.
Wenn er täglich oder fast täglich konsumiert. Das ist nicht mehr Experimentieren — das ist regelmäßiger Konsum bei einem reifenden Gehirn. Hier gehört das in fachliche Begleitung.
Wenn schulische Leistungen deutlich abrutschen. Konzentration, Gedächtnis, Motivation sind bei regelmäßigem Konsum in der Jugend messbar betroffen.
Wenn er psychotische Symptome zeigt. Stimmen hören, Verfolgungsgefühle, fester Wahn. Cannabis kann bei genetischer Veranlagung eine Psychose auslösen, vor allem in der Pubertät.
Wenn er sich sozial isoliert oder aggressiv wird. Beides können Begleitsymptome oder zugrundeliegende Probleme sein, die mit Cannabis interagieren.
Wenn er andere Substanzen mischt. Alkohol, Tabletten, andere Drogen.
In all diesen Fällen ist die Beratungsstelle für Cannabiskonsumenten der erste sinnvolle Schritt. Auch für Eltern allein, ohne dass das Kind dabei sein muss.
Eine einmalige Konfrontation löst selten ein anhaltendes Konsum-Verhalten. Eine breitere Anleitung für Eltern findest du im Artikel Mein Kind kifft: Was Eltern jetzt tun können. Was über Monate wirkt, sind eher strukturelle Sachen.
Beziehung halten. Wer das Gespräch übersteht, ohne dass die Beziehung leidet, hat eine offene Tür für künftige Gespräche. Wer eskaliert, hat sie geschlossen.
Setting beachten. Wenn der ganze Freundeskreis konsumiert, ist das ein Setting-Problem. Setting kann man bedingt verändern — durch andere Aktivitäten, Freundschaften, Hobbys.
Eigenes Vorbild prüfen. Wenn du selbst Alkohol als Stress-Lösung benutzt, ist das schwerer zu argumentieren. Glaubwürdigkeit zählt.
Andere Themen. Wer mit seinem Jugendlichen nur über Cannabis redet, macht das Thema zentral. Wer eine breitere Beziehung pflegt — Hobbys, Zukunftsfragen, Alltag — hat mehr Einfluss.
Geduld über Monate. Verhaltensänderungen bei Jugendlichen brauchen Zeit. Wer nach einem Gespräch Sofort-Wirkung erwartet, ist enttäuscht.
Wenn du konkrete Information hast, kannst du das ruhig sagen — ohne Drama. „Ich weiß, dass das so war. Ich brauche keine Verteidigung, ich brauche ehrliche Kommunikation.“ Wenn er weiter abstreitet, ist das Information: das Vertrauensverhältnis reicht gerade nicht für Ehrlichkeit. Daran kannst du arbeiten, aber nicht in einem Gespräch erzwingen.
Meistens kontraproduktiv. Signalisiert Misstrauen, fördert Vermeidungs-Strategien (andere Substanzen, Verstecken). Nur in sehr klaren Fällen mit ärztlicher Begleitung sinnvoll.
Bei Volljährigkeit hat er einen Punkt — du kannst nicht alles bestimmen. Aber du kannst klar machen, was du nicht akzeptierst in deinem Haus, in eurer Beziehung, im Umgang. Bei Minderjährigen liegt mehr Verantwortung bei dir — aber auch hier zählt Beziehung mehr als Befehl.
Nicht reflexhaft. Erst Gespräch zu Hause, dann sehen, ob die Schule schon involviert ist. Bei akuten Sicherheitsproblemen — ja. Sonst meistens nicht.
Bei täglichem Konsum, bei deutlichem Leistungsabfall, bei psychotischen Symptomen, bei aggressivem Verhalten, bei Mehrfachkonsum. Dann ist nicht „mehr Geduld“ die Antwort, sondern professionelle Hilfe — entweder über Hausarzt, Jugendarzt oder Beratungsstelle.
Einen Jugendlichen anzusprechen, der kifft, ist nicht eine einmalige Konfrontation, sondern der Anfang eines Gesprächs, das über Wochen und Monate geführt wird. Was funktioniert: konkret eröffnen, mehr zuhören als reden, differenziert reagieren, klare eigene Position ohne Maximalforderung, konkrete Vereinbarungen statt Pauschalverbote.
Was nicht funktioniert: Hausdurchsuchungen, Drohungen, Predigten, lange Vergleichs-Tiraden. Beziehungsverlust ist das größere Risiko als der Konsum selbst — denn ohne Beziehung verlierst du jeden Einfluss, den du sonst noch gehabt hättest. Was am Ende den Unterschied macht, ist nicht die Härte deiner ersten Reaktion. Es ist die Verlässlichkeit deiner Begleitung über Monate.

Über den Autor
Jan B. · Emotionscoach
Jan B. arbeitet seit vielen Jahren als Emotionscoach. Er war selbst abhängig, nicht nur von Cannabis, sondern auch von Pornografie. Deshalb kennt er Abhängigkeit aus der eigenen Geschichte und aus seiner Arbeit mit Emotionen.
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