Jugendlicher kifft: So sprichst du es an ohne ihn zu verlieren

Vater und Sohn gehen im Gespräch nebeneinander

Wenn dein Jugendlicher kifft, ist es oft schwerer, das anzusprechen, als jedes andere schwierige Gespräch zwischen euch. Du willst ihn schützen, du willst nicht der spießige Erwachsene sein, und trotzdem soll er nicht einfach weitermachen.

Es gibt Wege, dieses Gespräch so zu führen, dass er dir danach noch vertraut. Und es gibt Zeichen, an denen du merkst, ob es noch Ausprobieren ist oder schon mehr.

Das Wichtigste in Kürze

  • Sprich ihn in einem ruhigen Moment unter vier Augen an, nicht direkt nach einem Fund und nicht im Streit.
  • Fang mit dem an, was du bemerkt hast, und stell dann eine offene Frage. Hör am Anfang mehr zu, als du redest.
  • Zimmer durchsuchen, Drogentests zu Hause und Drohungen treiben Jugendliche eher in die Heimlichkeit.
  • Kifft er fast jeden Tag, sackt er in der Schule ab oder wirkt er seltsam misstrauisch, hol dir Rat bei einer Suchtberatung. Das geht auch ohne ihn.

Was du vorher für dich klären solltest

Bevor du etwas sagst, lohnt sich eine ruhige Viertelstunde mit dir selbst. Die folgenden vier Fragen sind nur für dich. Sie sorgen dafür, dass du nicht aus der Angst heraus redest.

1. Was genau hast du bemerkt?

Hast du etwas Konkretes gesehen, einen Joint, den Geruch, einen Grinder? Oder ist es eher ein ungutes Gefühl, weil er sich verändert hat?

Beides ist ein guter Grund für ein Gespräch, nur der Einstieg ist ein anderer. Mit einem Fund kannst du direkt sagen, was du gesehen hast. Bei einer vagen Sorge fragst du eher, wie es ihm gerade geht.

2. Wie oft kifft er wahrscheinlich?

Ein Joint auf einer Party ist etwas anderes als Kiffen vor der Schule. Du musst das vor dem Gespräch nicht sicher wissen.

Dein Einstieg sollte aber zu dem passen, was wahrscheinlich ist, und nicht zum schlimmsten Fall in deinem Kopf. Wer mit dem schlimmsten Fall anfängt, bekommt meistens nur Abwehr.

3. Was hast du selbst in dem Alter gemacht?

Vielleicht hast du selbst mal gekifft oder in dem Alter zu viel getrunken. Das musst du nicht verstecken, und du musst es auch nicht ausbreiten.

Wer ehrlich zugibt, dass er auch nicht immer vernünftig war, wird eher ernst genommen. Das Kiffen wird dadurch nicht harmloser, aber du redest nicht mehr von oben herab.

4. Was willst du mit dem Gespräch erreichen?

Soll er sofort aufhören, weniger kiffen oder erst einmal ehrlich zu dir sein? Oder willst du erst einmal verstehen, was los ist? Für ein erstes Gespräch ist das letzte Ziel oft das realistischste.

Wer ohne Ziel ins Gespräch geht, landet schneller im Streit. Warum Kiffen in der Jugend mehr Risiken hat als bei Erwachsenen, liest du in 8 Gründe gegen Kiffen in der Jugend.

Der richtige Moment und der richtige Ort

Wann und wo du das Thema ansprichst, entscheidet oft mehr als die Worte selbst. Direkt nach einem Fund, im Streit oder wenn er gerade zur Tür hereinkommt, bist du aufgewühlt, und er geht sofort in die Verteidigung.

Besser ist ein ruhiger Moment, allein und unter vier Augen. Nicht beim Abendessen vor den Geschwistern und nicht mit beiden Eltern gleichzeitig, das fühlt sich für ihn wie ein Verhör an.

Sein Zimmer ist sein Revier, dort macht er schneller dicht. Küche, Wohnzimmer oder ein Spaziergang sind neutraler. Und nimm dir Zeit, fünf Minuten vor seinem Training reichen nicht.

Wie du anfängst

Die ersten Sätze entscheiden oft, ob er sich öffnet oder die Tür zumacht. Drei Dinge helfen dabei.

1. Sag, was du bemerkt hast

Bleib bei dem, was du wirklich gesehen hast: „Ich hab letzte Woche in deinem Zimmer einen Joint gefunden.“ Das ist klarer als „Ich mach mir Sorgen, ob du irgendwas nimmst“.

Eine konkrete Beobachtung lässt sich schwer wegdiskutieren. Eine vage Andeutung lädt dagegen dazu ein, alles abzustreiten.

2. Frag, bevor du bewertest

Sätze wie „Weißt du, wie gefährlich das ist?“ kommen als Vorwurf an. Eine Frage wie „Wie ist das gerade für dich?“ lädt dagegen zu einer Antwort ein.

Eine Frage öffnet ein Gespräch, ein Vorwurf startet eine Verteidigung. Fachleute nennen diese Haltung motivierende Gesprächsführung: fragen, zuhören, nachfragen, statt zu überreden. Viele Sätze, die Eltern aus Sorge sagen, kommen ganz anders an, als sie gemeint sind.

Typische Sätze und wie sie bei ihm ankommen

Was du sagstWie es bei ihm ankommt
„Wenn ich das noch einmal merke, dann …“Er lernt, sich nicht mehr erwischen zu lassen.
„Solange du hier wohnst, ist das verboten.“Er hört Macht, aber keinen Grund.
„Weißt du eigentlich, wie gefährlich das ist?“Er kennt die Predigt aus der Schule und schaltet ab.
„Dein Cousin hat so was nie gemacht.“Er fühlt sich abgewertet und wird trotzig.

3. Deine Meinung darf warten

Du musst deine Sicht nicht verstecken. Aber sie muss nicht der erste Satz sein.

Erst zuhören, dann sagen, wie du es siehst. So merkt er, dass seine Seite überhaupt zählt, und hört dir danach eher zu.

Was im Gespräch wirklich hilft

Wenn das Gespräch einmal läuft, kommt es auf vier Dinge an.

1. Mehr zuhören als reden

Halte dich am Anfang mit Bewertungen zurück. Frag nach und versuch zu verstehen: Was gefällt ihm am Kiffen? Mit wem kifft er? Wie oft? Was sagen seine Freunde dazu?

Je mehr er erzählt, desto besser kannst du die Lage einschätzen. Und desto eher hat er beim nächsten Mal das Gefühl, dass er mit dir reden kann.

2. Nimm ernst, was er erzählt

Sagt er, dass er nur am Wochenende kifft, musst du das nicht blind glauben. Du musst ihn aber auch nicht sofort als Lügner hinstellen.

Sagt er, dass im Freundeskreis alle kiffen, ist das eine wichtige Information. Dann geht es um ihn und um seine Umgebung.

3. Unterscheide zwischen Ausprobieren und Gewohnheit

Einmal probieren ist etwas anderes als regelmäßiges Kiffen. Am Wochenende mit Freunden ist etwas anderes als morgens vor der Schule.

Wenn du hier Unterschiede machst, nimmt er dich ernster. Wer alles gleich behandelt, wirkt für Jugendliche schnell wie jemand, der keine Ahnung hat.

4. Sag klar, wo deine Grenze ist

Deine Sorge darfst du deutlich aussprechen: „Ich mache mir Sorgen, weil sich dein Gehirn gerade noch entwickelt.“ Oder: „Wenn das jeden Tag wird, kann ich das nicht einfach hinnehmen.“

Statt eines Totalverbots helfen oft kleine Abmachungen, die er wirklich einhalten kann: nicht vor der Schule, nicht in der Wohnung, nicht mit dem Freund, bei dem es immer ausartet. Eine kleine Abmachung, die hält, bringt mehr als ein großes Verbot, das er heimlich bricht.

Was die Tür zumacht

Manche Reaktionen sind verständlich, wenn man Angst um sein Kind hat. Trotzdem führen sie fast immer dazu, dass er dichtmacht.

Wenn er merkt, dass du sein Zimmer durchsucht hast, leidet das Vertrauen oft länger als unter dem Kiffen selbst. Dasselbe gilt, wenn du ohne sein Wissen mit anderen Eltern über ihn sprichst oder seine Freunde zur Rede stellst. Das spricht sich herum und bringt ihn in seinem Freundeskreis in eine schwierige Lage.

Mit jeder Kontrolle mehr wird er vorsichtiger, nicht ehrlicher. So entsteht ein Kreis, aus dem beide Seiten schwer wieder herauskommen.

Wie sich Kontrolle und Heimlichkeit hochschaukeln

Du hast Angst und kontrollierst mehr
→
Er kifft heimlicher und erzählt weniger
↑
↓
Dein Misstrauen wächst
←
Du merkst, dass er dir etwas verheimlicht

Auch lange Vorträge über Drogen helfen selten. Das meiste hat er in der Schule schon gehört. Wenn du es wiederholst, schaltet er ab, bevor du beim wichtigen Teil angekommen bist.

Cover des kostenlosen Ratgebers für Eltern: Kiffen in der Jugend

Ratgeber für Eltern

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Wann ein Gespräch nicht mehr reicht

Manchmal ist die Lage ernster, als ein Gespräch am Küchentisch auffangen kann. Das ist zum Beispiel so, wenn er fast jeden Tag kifft. Dann geht es nicht mehr ums Ausprobieren, sondern um eine Gewohnheit in einem Gehirn, das noch reift. Von denen, die schon als Jugendliche mit dem Kiffen anfangen, wird etwa jeder Sechste abhängig.

Ernst wird es auch, wenn die Noten deutlich abrutschen, wenn er sich von allen zurückzieht oder aggressiv wird, oder wenn er zusätzlich trinkt oder Tabletten nimmt. Wurde er in der Schule beim Kiffen erwischt, findest du die nächsten Schritte in Mein Kind kifft in der Schule: Was Eltern jetzt tun.

Besonders ernst nehmen solltest du es, wenn er Stimmen hört, sich verfolgt fühlt oder Dinge glaubt, die nicht stimmen können. Wer fast jeden Tag kifft, vor allem starkes Gras, hat ein deutlich höheres Risiko für eine Psychose. Woran du das erkennst, steht in Anzeichen einer Cannabis-Psychose. Bei solchen Anzeichen gehört er zeitnah zu einer Ärztin oder einem Arzt.

In all diesen Fällen ist eine Beratungsstelle für Cannabiskonsumenten ein guter erster Schritt. Du kannst auch allein hingehen, dein Kind muss nicht dabei sein.

Was über Monate wirkt

Ein einziges Gespräch ändert selten etwas, das sich über Monate eingeschliffen hat. Was wirkt, ist das, was du danach tust, Woche für Woche. Wie du als Elternteil insgesamt vorgehen kannst, liest du in Mein Kind kifft: Was Eltern jetzt tun können.

Das Wichtigste ist, dass eure Beziehung das Gespräch übersteht. Solange er mit dir reden kann, bleibt die Tür offen. Redet deshalb auch über andere Dinge als Cannabis, über Schule, Freunde, Pläne und Hobbys. Wenn es zu Hause nur noch ums Kiffen geht, wird das Kiffen zum Mittelpunkt.

Schau dir auch sein Umfeld an. Kifft der ganze Freundeskreis, hilft es oft, wenn Neues Platz bekommt, ein Verein, ein Nebenjob, ein Hobby mit anderen Leuten. Und sei ehrlich zu dir selbst: Wer abends selbst zum Wein greift, um runterzukommen, ist beim Thema Kiffen weniger glaubwürdig.

Rechne mit Monaten, nicht mit Tagen, und mit Rückschritten zwischendurch. Wenn er irgendwann selbst sagt, dass er aufhören will, kann ihn unser Online-Programm Schritt für Schritt durch die ersten Wochen begleiten.

Häufige Fragen

Was mache ich, wenn er alles abstreitet?

Wenn du etwas Konkretes gesehen hast, kannst du das ruhig sagen: „Ich weiß, was ich gesehen habe. Ich will mich nicht streiten, ich will ehrlich mit dir reden.“ Streitet er weiter ab, zeigt das vor allem, dass das Vertrauen gerade nicht für Ehrlichkeit reicht. Daran kannst du arbeiten, erzwingen kannst du es in einem Gespräch nicht.

Soll ich ihn zu Hause auf Drogen testen?

Davon raten Kinder- und Jugendärzte ab. Ein Test zu Hause ohne sein Einverständnis zeigt vor allem Misstrauen und verleitet eher dazu, Spuren zu verwischen. Wenn ein Test wirklich nötig scheint, gehört er in die Hand einer Ärztin oder eines Arztes.

Was sage ich, wenn er meint, das sei seine Sache?

Je älter er wird, desto mehr hat er damit ein Stück weit recht. Du kannst nicht alles bestimmen. Du kannst aber klar sagen, was du in deiner Wohnung und in eurem Zusammenleben nicht hinnimmst. Ist er noch minderjährig, trägst du mehr Verantwortung, aber auch dann erreichst du mit Beziehung mehr als mit Befehlen.

Soll ich die Schule informieren?

Das sollte nicht deine erste Reaktion sein. Sprich erst zu Hause mit ihm und finde heraus, ob die Schule schon Bescheid weiß. Geht es um seine Sicherheit oder die anderer, ist der Kontakt zur Schule richtig.

Soll ich erzählen, dass ich früher selbst gekifft habe?

Wenn es stimmt, kann Ehrlichkeit helfen, solange du keine Heldengeschichte daraus machst. Erzähl kurz, wie es für dich war und warum du heute vorsichtiger bist. So zeigst du, dass du ihn verstehst, ohne das Kiffen gutzuheißen.

Wann schaffe ich das nicht mehr allein?

Das ist der Fall, wenn er fast jeden Tag kifft, in der Schule deutlich abrutscht, aggressiv wird, zusätzlich andere Mittel nimmt oder seltsame Gedanken äußert. Dann reicht Geduld allein nicht mehr. Wende dich an die Haus- oder Kinderarztpraxis oder an eine Suchtberatung. Dort bekommst du auch dann Rat, wenn er selbst noch nicht mitkommen will.

Jan B., Emotionscoach

Über den Autor

Jan B. · Emotionscoach

Jan B. arbeitet seit vielen Jahren als Emotionscoach. Er war selbst abhängig, nicht nur von Cannabis, sondern auch von Pornografie. Deshalb kennt er Abhängigkeit aus der eigenen Geschichte und aus seiner Arbeit mit Emotionen.

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