Das Endocannabinoid-System einfach erklärt

Mann geht in der Abendsonne durch den Wald

Das Endocannabinoid-System regelt in deinem Körper Schlaf, Hunger, Schmerz, Stimmung und Stress mit, und kaum jemand hat je davon gehört. Entdeckt wurde es erst Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre.

Wer kifft, greift genau in dieses System ein, denn THC nutzt dieselben Andockstellen wie die Botenstoffe deines Körpers. Hier liest du, wie das System funktioniert, was Dauerkonsum daran verändert und wie es sich nach dem Aufhören erholt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Endocannabinoid-System ist eine Bremse in deinem Nervensystem. Es dämpft Signale, wenn etwas zu viel wird, zum Beispiel Stress oder Schmerz.
  • Es besteht aus körpereigenen Botenstoffen, Andockstellen namens CB1 und CB2 und Enzymen, die die Botenstoffe schnell wieder abbauen.
  • THC nutzt dieselben Andockstellen, bleibt aber stundenlang. Wer jeden Tag kifft, hat messbar weniger CB1-Andockstellen in der Großhirnrinde.
  • Nach dem Aufhören erholt sich das: Die Veränderung beginnt in den ersten Tagen, nach etwa vier Wochen ist die Zahl der Andockstellen wieder normal.

Die eingebaute Bremse in deinem Kopf

In deinem Nervensystem schicken sich Zellen ständig Botenstoffe hin und her. Manche Signale heißen „mehr Energie“, andere „Schmerz“ oder „Gefahr“. Das läuft rund um die Uhr, auch wenn du schläfst.

Das Endocannabinoid-System ist eine Art Bremspedal in diesem Netz. Es springt an, wenn etwas zu viel wird: zu viel Aufregung, zu viel Schmerz, zu viel Stress. Dann bildet dein Körper eigene Botenstoffe, die die Weiterleitung genau an dieser Stelle verlangsamen.

Du merkst davon meistens nichts. Wenn die Bremse gut arbeitet, fühlst du dich einfach im Gleichgewicht, weder aufgedreht noch wie betäubt.

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Woraus das System besteht

Drei Teile musst du kennen, dann ergibt der Rest Sinn. Zusammen sorgen sie dafür, dass die Bremse nur kurz und nur dort greift, wo sie gebraucht wird.

1. Die körpereigenen Botenstoffe

Die zwei wichtigsten heißen Anandamid und 2-AG. Anandamid kommt vom Sanskrit-Wort „ananda“ für Glückseligkeit. Dein Körper bildet sie erst in dem Moment, in dem er sie braucht. Einen Vorrat legt er nicht an. Welche Rolle Fettsäuren aus dem Essen dabei spielen, steht in Omega-3 und das Cannabinoid-System.

Diese Stoffe spielen auch beim „Runner’s High“ mit, dem guten Gefühl nach einem langen Lauf. In Versuchen mit Mäusen hing die Entspannung und das geringere Schmerzempfinden nach dem Laufen an genau diesen Andockstellen, nicht an den Endorphinen, wie man lange dachte.

2. Die Andockstellen

Die Botenstoffe wirken über Andockstellen, sogenannte Rezeptoren. Die zwei bekanntesten heißen CB1 und CB2. CB1 sitzt vor allem im Gehirn und im Nervensystem, CB2 vor allem bei den Abwehrzellen deines Immunsystems.

Entdeckt wurde das alles erst spät. 1988 fanden Forscher die erste Andockstelle im Gehirn, 1992 den ersten körpereigenen Stoff, der dort bindet. Das THC aus der Pflanze kannte man da schon seit fast 30 Jahren.

3. Die Abbau-Enzyme

Damit die Bremse nicht dauerhaft angezogen bleibt, gibt es Enzyme, die Anandamid und 2-AG schnell wieder zerlegen. Für jeden der beiden Stoffe arbeitet ein eigenes Enzym.

So wirkt die körpereigene Bremse kurz und gezielt. Genau das unterscheidet sie von THC.

Was THC in diesem System macht

Cannabis enthält mehr als 100 Cannabinoide, die zwei bekanntesten sind THC und CBD. THC ähnelt dem körpereigenen Anandamid so sehr, dass es an dieselben CB1-Andockstellen bindet. Fremd ist es für dein Gehirn also nicht, aber es verhält sich anders.

Körpereigene Bremse und THC im Vergleich

FrageAnandamidTHC
Woher kommt es?vom Körper, nur bei Bedarfvon außen, mit jedem Zug
Wo wirkt es?gezielt an einer Stellean allen CB1-Andockstellen gleichzeitig
Wie lange?kurz, wird schnell abgebautmehrere Stunden
Was passiert auf Dauer?nichts, das System bleibt im Gleichgewichtdas Gehirn baut Andockstellen ab

Dein Körper zieht die Bremse kurz an einer Stelle an, THC tritt sie überall gleichzeitig durch. Wie das im Gehirn genau aussieht, steht in So wirkt THC auf dein Gehirn.

CBD dockt nicht wie THC an CB1 an. Es bremst unter anderem den Abbau von Anandamid etwas, sodass der körpereigene Stoff länger wirken kann. Die ganze Gegenüberstellung findest du in Der Unterschied zwischen THC und CBD.

Was Dauerkonsum im System verändert

Das System regelt sich selbst. Kommt ständig THC von außen, passt es sich an. Bei Menschen, die jeden Tag kiffen, zeigen Hirnscans weniger CB1-Andockstellen in der Großhirnrinde. Je mehr Jahre jemand gekifft hatte, desto deutlicher war das zu sehen.

Das ist eine Schutzreaktion. Wenn ständig viel Signal ankommt, macht das Gehirn die Antenne kleiner. Die gleiche Menge wirkt dann schwächer, und daraus entsteht ein Kreis.

Wie sich das Gehirn an THC gewöhnt

Du kiffst fast jeden Tag
→
Das Gehirn baut CB1-Andockstellen ab
↑
↓
Du nimmst mehr
←
Die gleiche Menge wirkt schwächer

Genau so entsteht Toleranz, also das Gefühl, mehr zu brauchen als früher. Wie schnell das geht und wie du sie wieder abbaust, liest du in Wie Toleranz bei Cannabis entsteht.

Ein Schaden im klassischen Sinn ist das nicht, sondern eher eine Anpassung. Nur wenn du aufhörst, steht dein Gehirn erst einmal mit zu wenig Andockstellen da und ohne das THC, auf das es sich eingestellt hat. Daher kommen die schweren ersten Tage.

Was beim Aufhören in deinem Kopf passiert

Nach dem letzten Joint fehlt der Bremse von heute auf morgen die Hilfe von außen. Die ersten Beschwerden kommen meist nach 24 bis 48 Stunden, am stärksten sind sie zwischen dem zweiten und sechsten Tag. Du schläfst schlecht, schwitzt, bist gereizt und unruhig.

Gleichzeitig beginnt die Erholung. Die Zahl der CB1-Andockstellen steigt schon in den ersten Tagen wieder an und ist nach etwa vier Wochen wieder normal. In Tests zu Gedächtnis und Konzentration sind nach rund 25 Tagen ohne Cannabis keine Nachteile mehr messbar.

Was nach dem letzten Joint passiert

  1. Reset: Tag 1 bis 5Die Beschwerden beginnen nach 24 bis 48 Stunden, am stärksten sind sie an Tag 2 bis 6.
  2. Resilienz: Tag 5 bis Woche 3 oder 4Die CB1-Andockstellen kommen zurück, nach etwa vier Wochen sind sie wieder normal.
  3. Fokus: bis Woche 7Schlaf und Stimmung werden stabiler, der Antrieb kommt zurück.

Der Körper braucht diese Zeit, er macht nichts falsch. Wie die drei Phasen im Alltag aussehen, steht in So laufen die 3 Phasen des Cannabis-Entzugs ab.

Was deiner Bremse beim Erholen hilft

Pillen oder Pulver, die das System „auffüllen“, gibt es nicht. Am besten belegt ist Bewegung, weil sie die eigenen Botenstoffe nachweislich in Gang bringt. Ein flotter Spaziergang oder eine Runde Joggen am frühen Abend fällt genau in die Zeit, in der sonst der Drang kommt.

Ideen, wie du Sport im Entzug einbaust, ohne dich zu überfordern, findest du in Sport im Cannabis-Entzug.

Genauso wichtig ist, was du weglässt. Wer den Joint durch Bier oder Schlaftabletten ersetzt, gibt dem Gehirn nur eine neue Hilfe von außen. Die Bremse muss aber wieder lernen, allein zu arbeiten.

Und sie lernt es, meistens schneller, als du am dritten Tag glaubst. Wenn du dafür einen festen Plan für die ersten Wochen willst, begleitet dich unser Online-Programm vom letzten Joint an.

Häufige Fragen

Hat jeder Mensch ein Endocannabinoid-System?

Ja. Jeder Mensch hat es, auch wer nie gekifft hat. Es gehört zur Grundausstattung des Nervensystems und hilft schon bei der Entwicklung des Gehirns mit.

Warum heißt es so, wenn es mit Kiffen nichts zu tun hat?

Weil die Forschung rückwärts lief. Zuerst wurde 1964 THC aus der Pflanze entschlüsselt, erst danach fand man die Andockstellen und die körpereigenen Stoffe. „Endo“ heißt „von innen“, also Cannabinoide aus dem eigenen Körper.

Wird mein System nach dem Aufhören wieder normal?

Bei den meisten ja. In Studien war die Zahl der CB1-Andockstellen nach etwa vier Wochen ohne Cannabis wieder normal. Dass Schlaf und Stimmung manchmal länger brauchen, liegt auch an Gewohnheiten und Gefühlen, die das Kiffen jahrelang überdeckt hat.

Kann CBD den Entzug abkürzen?

Dafür gibt es keinen sicheren Beleg. CBD bremst zwar den Abbau von Anandamid etwas, aber ob das die Erholung schneller macht, ist nicht erforscht.

Hängt die Antriebslosigkeit nach langem Kiffen mit dem System zusammen?

Zum Teil. Weniger Andockstellen bedeuten, dass das System weniger fein regelt. Dazu kommen Schlafmangel und Gewohnheit. Mehr dazu in Warum Kiffen müde und antriebslos macht.

Jan G., High-Performance- und Motivationscoach

Über den Autor

Jan G. · High-Performance- und Motivationscoach

Jan G. ist High-Performance- und Motivationscoach. Er arbeitet für viele bekannte Leute und weiß, wie sich Leistungsfähigkeit und Motivation verbessern lassen. Sein Schwerpunkt liegt auf allem Mentalen.

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