Als ich aufgehört hab zu kiffen hab ich Freunde verloren: ich bereue es nicht

Eine Person geht allein einen sonnigen Weg entlang

Als ich aufgehört hab zu kiffen, hab ich Freunde verloren. Nicht alle. Nicht plötzlich. Aber spürbar. Und ich hab es nicht erwartet. Niemand bereitet einen darauf vor.

Heute, eineinhalb Jahre später, bereue ich nichts davon. Aber zu sagen, das wäre einfach gewesen, wäre gelogen. Das hier ist die Geschichte zu dem Punkt, an dem viele Aussteiger nicht hingehört werden: dem sozialen Schnitt.

Ich bin 31, arbeite als Journalist, lebe allein. Hab elf Jahre konsumiert, davon die letzten sieben fast täglich. Mein Freundeskreis hat sich über diese Jahre größtenteils aus Menschen gebildet, die auch kifften. Nicht zufällig. Mein Konsum hat den Kreis sortiert.

Wann ich gemerkt hab, dass es passiert

In den ersten zwei Wochen nach dem Aufhören hab ich nichts gemerkt. Ich war mit mir selbst beschäftigt, hatte körperliche Symptome, hab nicht viel rausgewollt.

Ab Woche drei kamen die Treffen wieder. Erstmal mit den engsten zwei Freunden. Wir saßen bei einem zu Hause. Er hat sich was gebaut. Ich hatte Tee. Das Gespräch verlief okay, aber irgendwas war anders. Nach zwei Stunden bin ich gegangen. Sonst saßen wir bis nachts um zwei. Auf dem Weg nach Hause hab ich gemerkt, dass ich mich gelangweilt hatte.

Das war der erste Hinweis. Was ich vorher als „enge Gespräche“ empfunden hatte, war im nüchternen Zustand eine Aneinanderreihung von Sätzen, die nicht zusammenpassten. Wir hatten jahrelang zusammen geraucht, hatten dabei viel geredet, und das, woran ich mich emotional erinnerte, war nicht das, was tatsächlich gesagt worden war.

Die Treffen, die schwieriger wurden

Die Wochenenden waren die härtesten. Mein Freundeskreis hatte sich um Konsum-Rituale herum organisiert. Freitag abend bei dem einen, Samstag bei dem anderen, sonntags zur Erholung in der Wohnung von jemand drittem. Diese Struktur fiel bei mir weg, weil sie auf Konsum aufgebaut war.

Erste Wochen bin ich noch hingegangen. Hab gegessen, mit getrunken (Wasser, später mal ein Bier), war dabei. Es wurde langsam zur Anstrengung. Nicht weil ich Lust auf einen Joint gehabt hätte (die Wellen kamen, gingen, das war handhabbar). Sondern weil das, was um mich herum passierte, mich nicht mehr abholte.

Ein Freund hat irgendwann gesagt: „Du bist nicht mehr derselbe.“ Hat es nicht böse gemeint. Hat aber gemerkt, dass ich abends früher gehe, weniger lache, anders zuhöre. Was er nicht gesehen hat: dass das nicht ein Problem mit mir war, sondern mit dem, was wir die letzten Jahre als Freundschaft missverstanden hatten.

Was sich konkret verschoben hat

Drei Freunde haben sich nach drei Monaten faktisch verabschiedet. Nicht in einem Konflikt. Wir haben uns einfach nicht mehr gemeldet. Sie hatten ihre Wochenenden, ich hatte meine. Wir haben überlappende Konsum-Routinen gehabt, sonst nichts.

Zwei andere Freunde sind geblieben, obwohl sie weiter konsumieren. Mit denen ist die Beziehung sogar tiefer geworden, weil wir Sachen entdeckt haben, die wir zusammen machen können, die nicht ums Kiffen drehen. Spaziergänge. Konzerte. Kochen. Bücher tauschen. Sachen, die wir vorher nie gemacht hätten, weil wir abends immer im Kreis saßen.

Ein Freund hat selbst angefangen, weniger zu konsumieren. Wir haben nie darüber geredet, dass es mit meinem Aufhören zu tun hätte. Aber wir kennen uns lang genug, dass beide wissen, dass es vermutlich kein Zufall war.

Neue Freundschaften sind dazugekommen. Nicht massenhaft. Aber zwei oder drei Menschen, die ich vorher kannte und mit denen ich vorher nie tiefer in Kontakt war (weil mein Konsum mich abgegrenzt hatte), sind in den letzten anderthalb Jahren nähergerückt.

Wer einen ehrlichen Blick auf diese soziale Verschiebung sucht, findet im Artikel 100 Vorteile mit dem Kiffen aufzuhören Punkte, die ich vorher nicht für möglich gehalten hätte.

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Warum ich nichts bereue

Es ist die Frage, die ich mir die ersten Monate selbst gestellt hab. Was, wenn ich am Ende einsam dasitze? Was, wenn ich „den Stoff“ tausche gegen Isolation?

Antwort, eineinhalb Jahre später: Was ich verloren hab, waren Freundschaften, die auf einer gemeinsamen Substanz aufgebaut waren. Was ich behalten hab, sind die Menschen, mit denen ich wirklich was zu teilen hatte und die das auch nüchtern wollten. Was ich gewonnen hab, sind Begegnungen, die vorher nicht in mein Leben passten, weil ich kein Raum dafür hatte.

Die ehrliche Wahrheit über den sozialen Schnitt: Er ist nicht nur Verlust. Er ist Sortierung. Was nicht hält, hatte vermutlich nichts gehabt. Was hält, hat plötzlich mehr Substanz.

Was ich vermisse: das Gefühl, abends in einer großen Gruppe zu sein, ohne dass Smalltalk nötig wäre. Cannabis hat dieses Gefühl produziert. Ohne ist es schwerer, sich in einer großen Gruppe wohlzufühlen. Das ist die Sache, die ich nicht zurückkriegen kann, und vielleicht die ehrlichste Begleiterscheinung des Aufhörens, von der niemand spricht.

Was ich heute machen würde, wenn ich nochmal vor dem Anfang stünde

Erstens: erwarten, dass der Freundeskreis sich sortiert. Nicht in einem Drama. In Stille.

Zweitens: bei den engsten Menschen offen sein. Nicht missionarisch, einfach ehrlich. „Ich höre auf, ich werde mich verändern, ich weiß noch nicht, was das für uns heißt.“ Wer offen geht, gibt der Beziehung eine Chance.

Drittens: alte Hobbys reaktivieren, die ich aufgegeben hatte. Jeder, der lange konsumiert, hat eine Liste an Sachen, die er „mal“ gemacht hat. Die gehen wieder. Sport, Lesen, Konzerte, Reisen: Sachen, die mit Cannabis nicht passten oder die ich „verschoben“ hatte.

Viertens: keine neuen Freundschaften erzwingen. Sie kommen, wenn der Raum frei wird. In den ersten Monaten war ich oft allein, das war Teil des Prozesses. Wer das aushält, kommt anders heraus.

Mehr Erfahrungen anderer in ähnlicher Lage liest du in den Erfahrungsberichten zum Cannabis-Entzug. Was ich heute weiß: Freunde verloren zu haben war nicht der Preis fürs Aufhören. Es war die Folge davon, dass ich vorher kein klares Bild davon hatte, welche meiner Freundschaften eigentlich auf Cannabis und welche auf mir aufgebaut waren.

Ben C., Texter im AZK-Team

Über den Autor

Ben C. · Texter im AZK-Team

Ben C. hat sechs Jahre konsumiert. Er hat in einer Entzugsklinik gearbeitet und dort auch seinen eigenen Entzug gemacht. Dadurch kennt er Cannabis-Entzug aus eigener Erfahrung und aus dem Klinikalltag.

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