
Als ich aufgehört hab zu kiffen hab ich Freunde verloren: ich bereue es nicht
klingt nach einem großen Satz. In Wahrheit beginnt so eine Veränderung meistens kleiner: mit einem Morgen, an dem du merkst, dass du nicht mehr dieselbe…
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Mein Körper hat nicht plötzlich nein gesagt. Hat sich langsam aufgebaut. Erst weniger Wiederholungen, dann längere Pausen, dann Workouts, die ich abgebrochen hab. Bis zu dem Moment, an dem ich beim Kreuzheben in der Mitte des Satzes gestanden bin und gemerkt hab: nicht das Gewicht ist zu schwer. Ich bin zu schwach für mein eigenes Gewicht.
Das war vor einem Jahr. Heute schaffe ich wieder, was ich vor vier Jahren geschafft hab. Dazwischen lag der Punkt, an dem mein Körper beim Training nein gesagt hat, und ich endlich zugehört hab.
Ich bin 28, mache seit der Schulzeit Krafttraining, dreimal die Woche. Hab parallel sechs Jahre lang gekifft. Erst abends, später auch vor dem Training „zur Entspannung“. Das war der Punkt, an dem die Geschichte schief lief.
Drei Jahre ging es gut. Ich hab gekifft, ich hab trainiert, ich hab gedacht, das passt. Ich war noch unter dreißig, mein Körper hat alles weggesteckt.
Dann kamen die ersten Hinweise. Erstmal Kleinkram. Ich brauchte länger zum Aufwärmen. Mein Maximalkraft-Tag rutschte vom Montag auf Dienstag, dann auf Mittwoch, weil Montag „zu früh nach dem Wochenende“ war. Pulshöhen, die ich früher locker gefahren hab, fühlten sich plötzlich nach Notbremse an.
Dann wurde es konkreter. Mein Bench-Press blieb seit einem Jahr bei demselben Maximum. Mein Kreuzheben ging zurück. Ich hab mir eingeredet, das wäre eine schlechte Trainingsphase. War es nicht. Es war mein erstes Plateau, und es hatte einen Grund, den ich nicht sehen wollte.
Erst als ich angefangen hab, Beine zu trainieren und nach zwei Sätzen rausgehen musste, weil mir schwindelig war, hab ich begriffen: ich bin nicht „nicht in Form“. Mein System ist überlastet.
Ein Donnerstag im Frühjahr. Ich war gut drauf, hatte mein Training vorbereitet, Kreuzheben war dran. Aufwärmen, erste Sätze, alles gut. Beim Arbeitssatz mit 140 (ein Gewicht, das ich seit zwei Jahren mache) bin ich nach der ersten Wiederholung gestanden und konnte nicht weitermachen.
Nicht weil das Gewicht zu schwer war. Sondern weil meine Konzentration weg war. Mein Kopf war nicht im Satz. Ich hab nicht gespürt, wo meine Beine, mein Rücken, meine Arme waren. Ich war körperlich da und kognitiv im Nebel.
Ich hab das Gewicht abgesetzt und bin in den Trainerraum gegangen. Der Trainer, den ich seit Jahren kenne, hat gefragt, was los ist. Ich hab gesagt, was wirklich los ist. Er hat genickt, nichts gesagt, mir einen Kaffee gegeben. Hat mich nicht erklärt, hat mich nicht belehrt. Hat einfach Kaffee gegeben und zugehört.
Das war der Moment, in dem ich verstanden hab, dass das nicht mein Bodyweight war, der mir das Training verleidet hat. Es war eine Substanz, die meine Konzentration, meine Koordination und meine Erholung dauerhaft kompromittierte. Und ich hab das jahrelang nicht sehen wollen, weil Cannabis und Sport in meinem Kopf nie zusammenhängend gewesen waren.
Ich hab später viel gelesen, weil ich verstehen wollte. Was ich nicht wusste:
Cannabis senkt die nächtliche Tiefschlafphase. Das ist der Schlaf, in dem Wachstumshormon ausgeschüttet wird, in dem Muskeln reparieren, in dem das Nervensystem regeneriert. Wer regelmäßig konsumiert, schläft scheinbar gut, aber qualitativ flacher. Im Krafttraining merkt man das nach Monaten als ausbleibende Anpassung.
Cannabis senkt die Testosteron-Produktion bei regelmäßigem Konsum messbar. Nicht dramatisch, aber spürbar. Bei einem 24-Jährigen kann das System das kompensieren. Bei einem 28-Jährigen weniger.
Cannabis erhöht den Ruhepuls und senkt die Herzfrequenz-Variabilität. Das sind die Marker dafür, wie gut sich dein Körper zwischen Belastungen erholt. Mit niedriger HRV sind harte Trainingstage doppelt anstrengend.
Was mich am meisten überrascht hat: All das ist in der Sportwissenschaft nicht umstritten. Es ist einfach in deutschen Fitness-Foren selten Thema.
Wer die mechanische Seite genauer verstehen will, findet das im Artikel Auswirkungen von Cannabis auf den Körper.
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Ich hab zwei Wochen nach dem Donnerstag aufgehört. Vorbereitet, mit Plan, Magnesium, klarer Linie.
Die ersten 5 Tage waren körperlich anstrengend: Schwitzen nachts, Schlaf wackelig, Reizbarkeit. Ich hab in der Zeit nicht trainiert. Hab Spaziergänge gemacht. War okay so.
Ab Tag 7 wieder ins Studio. Erste Einheit war erbärmlich. Mein Bodyweight fühlte sich an wie das Doppelte. Ich hab gedacht, ich bin in den Tagen ohne Training komplett zerfallen. War nicht so. Es war einfach mein neues, ungedämpftes Nervensystem, das gerade erstmal nicht wusste, was ich von ihm wollte.
Woche 2 und 3 waren mental anstrengender als körperlich. Ich war emotional auf einer Welle, die ich vorher nicht kannte. Mein Trainer hat gemerkt, dass ich auf eine andere Art da war: präsenter, ja, aber auch reizbarer. Wir haben dann das Volumen reduziert für drei Wochen, mehr Technik gemacht, weniger Maximalsätze.
Ab Woche 5 hab ich gemerkt, dass etwas anders war. Aufwärm-Sätze fühlten sich leichter an. Ich konnte mich in der Hauptübung fokussieren. Mein Atem war zwischen Sätzen schneller wieder ruhig.
Nach sechs Wochen war mein Kreuzheben wieder über 140. Mit Konzentration, die jahrelang fehlte. Ich hab zum ersten Mal seit langem einen Satz beendet und gewusst, dass ich noch eine Wiederholung gehabt hätte. Vorher war es immer ein Würfeln.
Nach drei Monaten, also etwa am Ende dessen, was bei Vielkonsumenten als reale Erholungsphase im Programm-Standard gilt, war ich auf einem Niveau, das ich seit Jahren nicht gesehen hatte. Nicht weil ich plötzlich härter trainierte. Sondern weil mein System endlich gemacht hat, wofür Training gedacht ist: sich anpassen, stärker werden, wachsen.
Mein Schlaf war anders. Ich wachte mit Energie auf, nicht „okay, ich funktioniere“. Mein Hungergefühl war anders: sauberer, nicht so spät am Tag wie früher. Mein Wassergewicht ist runter, Muskelanteil rauf. Ich hab nichts an der Ernährung verändert.
Für den Donnerstag mit dem Kaffee. Für meinen Trainer, der nichts erklärt hat. Für den Körper, der nach Jahren des Mitspielens irgendwann ehrlich war.
Das Training war für mich der Spiegel, in dem ich gesehen hab, was mein Konsum mir genommen hat. Bei jemand anderem ist es vielleicht der Job, die Beziehung, der Schlaf. Bei mir war es das Eisen. Es war direkt, es war messbar, es war nicht wegzudiskutieren.
Ein Jahr später trainiere ich härter als mit 24. Nicht weil ich diszipliniert geworden bin. Sondern weil mein Körper endlich wieder das macht, wofür ich ihn jahrelang vergeblich gefordert habe. Wer wissen will, wie sich die Veränderungen körperlich im Detail aufschlüsseln, findet das in Was passiert im Körper, wenn du mit dem Kiffen aufhörst.
Mehr Erfahrungen anderer in ähnlicher Lage liest du in den Erfahrungsberichten zum Cannabis-Entzug. Was ich heute weiß: Mein Körper hat nicht aus Boshaftigkeit nein gesagt. Er hat irgendwann ehrlich kommuniziert, was er die ganze Zeit gewusst hatte. Und ich hab ein Jahr gebraucht, um zuhören zu lernen.

Über den Autor
Melli I. · Texterin im AZK-Team
Melli I. hat mit dreizehn angefangen zu kiffen und ist heute achtundzwanzig. Seit drei Jahren ist sie clean. Sie kennt den frühen Einstieg und den Abstand nach dem Ausstieg aus eigener Erfahrung.
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