Angst beim Kiffen aufhören: Warum sie kommt und wie sie geht

Angst Kiffen aufhoeren

Du wolltest klarer werden, freier atmen, endlich wieder Kontrolle. Stattdessen liegst du nachts um 2 im Bett. Der Brustkorb fühlt sich eng an, der Kopf rennt los, jeder Gedanke wirkt plötzlich bedrohlich. Du fragst dich: Was ist hier los? Bin ich ohne Cannabis einfach ein ängstlicher Mensch?

Die Antwort: Sehr wahrscheinlich nicht. Was du spürst, ist meistens dein Nervensystem, das ohne seine alte Bremse zurechtkommen muss. Cannabis hat über Jahre Spannung gedämpft. Wenn es wegfällt, kommt nicht nur Entzug hoch. Es kommen auch Gefühle hoch, die jahrelang leiser gedreht wurden. Und das fühlt sich erstmal nach Angst an.

Wichtig zu wissen: Diese Phase lässt sich erklären, und sie geht vorbei. Du bist kein neuer Mensch geworden, und sie ist auch kein Beweis dafür, dass du Cannabis brauchst. Dein Körper sortiert sich gerade neu. Hier kommt, was dabei passiert, wann die Angst typischerweise auftaucht, was im akuten Moment hilft und wann du dir besser professionelle Begleitung holst.

Das Wichtigste in Kürze

  • Nervosität und Angst gehören zu den typischen Zeichen eines Cannabis-Entzugs. Sie stehen auch im DSM-5, dem Diagnosehandbuch der amerikanischen Psychiatrie.
  • Der Entzug beginnt meist 24 bis 48 Stunden nach dem letzten Joint. Am stärksten ist er bei vielen zwischen Tag 2 und Tag 6. Die Angst kommt oft etwas später als der schlechte Schlaf.
  • Eine Panikattacke fühlt sich wie ein Notfall an, ist aber nicht gefährlich. Die meisten dauern 5 bis 20 Minuten.
  • Hast du Gedanken, dir etwas anzutun, oder Brustschmerzen, die in Arm oder Kiefer ziehen, ruf sofort die 112. Reden kannst du jederzeit mit der Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111.

Was beim Aufhören in deinem Kopf passiert

Dein Körper hat ein eigenes System, das Stress, Stimmung, Schlaf und innere Anspannung mitregelt. THC greift genau dort ein. Wer regelmäßig kifft, gewöhnt dieses System daran, dass die Beruhigung von außen kommt.

Die Stellen im Gehirn, an denen THC andockt, werden dabei unempfindlicher. Solange du nachlegst, merkst du davon wenig. Hörst du auf, fehlt die Dämpfung von außen, und die eigene Bremse arbeitet noch nicht wieder richtig.

In dieser Lücke kommt alles lauter an. Ein Gedanke an morgen, ein schneller Herzschlag, ein Geräusch in der Nacht: Was vorher leise war, fühlt sich plötzlich bedrohlich an.

Das heißt nicht, dass du verrückt wirst. Dein Körper stellt sich um, und laut Studien arbeiten die Andockstellen nach etwa 4 Wochen ohne Cannabis wieder normal. Den Hintergrund findest du im Artikel Das Endocannabinoid-System einfach erklärt.

Wann die Angst typischerweise auftritt

Angst im Entzug ist nicht jeden Tag gleich stark. In einer Studie mit Menschen, die lange und viel gekifft hatten, begannen die Beschwerden meist zwischen Tag 1 und Tag 3. Am stärksten waren sie zwischen Tag 2 und Tag 6.

Angst und Gereiztheit kommen dabei oft etwas später als der schlechte Schlaf. So sieht das im Verlauf unserer drei Phasen aus:

Wann die Angst am stärksten ist

  1. Reset: Tag 1 bis 5Der Entzug beginnt meist nach 24 bis 48 Stunden. Herzklopfen, Schwitzen und schlechter Schlaf sorgen für eine Grundanspannung, die sich wie Angst anfühlen kann.
  2. Resilienz: Tag 5 bis Woche 3 oder 4Für viele ist das die schwierigste Zeit. Der Körper wird ruhiger, aber Gefühle, die lange gedämpft waren, kommen jetzt direkter durch.
  3. Fokus: bis Woche 7Die Angst kommt seltener und kürzer. Meist hängt sie dann an bestimmten Situationen oder Uhrzeiten.
  4. DanachNach langem, starkem Konsum kann es bis etwa 3 Monate dauern, bis sich alles wieder stabil anfühlt.

Nach unserer Erfahrung ist die Resilienz-Phase die härteste. Viele erzählen, dass die zweite und dritte Woche überraschend schwer waren. Genau dann denken viele ans Aufgeben. Eine schlechte Nacht in Woche drei heißt nicht, dass es nie besser wird.

Diese Zeiten sind Durchschnittswerte. Wer jahrelang jeden Abend gekifft hat, braucht oft länger als jemand, der nur am Wochenende geraucht hat. Den ganzen Verlauf findest du hier: Das passiert, wenn du nicht mehr kiffst.

Wie sich Angst im Alltag zeigt

Angst muss nicht wie eine Panikattacke aussehen. Bei vielen ist sie leiser: ein Druck im Bauch, der nicht weggeht, oder ein ständiges Abtasten, ob gerade etwas nicht stimmt. Dazu kommt eine Stimme im Kopf, die sagt, gleich passiert etwas Schlimmes, obwohl nichts passiert.

Wer abends gekifft hat, spürt die Angst oft nachts oder morgens. Der Schlaf ist unruhig, die Träume sind heftiger. Du wachst um 4 Uhr auf, dein Puls ist schnell, und dein Kopf macht daraus sofort eine Katastrophe.

  • Engegefühl in Brust oder Hals, das aus dem Nichts kommt
  • kreisende Gedanken, die sich nicht stoppen lassen
  • Angst, die Kontrolle zu verlieren, gerade in ruhigen Momenten
  • nächtliches Aufschrecken mit Herzrasen
  • plötzlich der Drang zu kiffen, damit die Angst aufhört
  • diffuse Sorge ohne konkretes Thema

Panikattacken im Entzug: Was dabei passiert

Manchmal steigert sich die Angst zu einer Panikattacke. Das Herz rast, der Atem wird flach, die Hände kribbeln und die Brust wird eng. Es fühlt sich an wie ein medizinischer Notfall.

Das Gemeine daran: Du spürst diese Zeichen, hältst sie für Gefahr, und genau das treibt die Anspannung weiter hoch. So entsteht ein Kreis:

Wie Herzklopfen und Angst sich hochschaukeln

Dein Herz klopft plötzlich schneller
→
Du bekommst Angst, dass etwas nicht stimmt
↑
↓
Das Herz klopft noch stärker
←
Du horchst in dich rein und spannst dich an

So heftig es sich anfühlt: Eine Panikattacke ist nicht gefährlich und geht von selbst wieder vorbei. Die meisten dauern 5 bis 20 Minuten, manche bis zu einer Stunde. Wenn du den Kreis kennst, kannst du ihn früher unterbrechen.

Ruf aber die 112, wenn Brustschmerzen in Arm, Kiefer oder Rücken ziehen, wenn du ohnmächtig wirst oder Dinge wahrnimmst, die nicht da sind. Bist du unsicher, lass es lieber einmal zu oft ärztlich abklären.

Der Denkfehler: Ohne Cannabis bin ich ängstlicher

Der gefährlichste Gedanke der ersten Wochen lautet: Siehst du, ohne Cannabis geht es mir schlechter. Der Gedanke ist verständlich, aber er ist nicht fair.

Du vergleichst gerade nicht dein ruhiges, nüchternes Leben mit deinem Leben als Kiffer. Du vergleichst den Entzug mit der Betäubung. Cannabis hat die Angst kurz gedämpft. Dafür hast du nie gelernt, selbst wieder runterzukommen.

Du bist nicht ängstlicher geworden, du spürst die Angst zum ersten Mal seit Langem ohne Filter. Das ist unangenehm. Aber erst so kannst du lernen, selbst mit ihr klarzukommen.

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Was im akuten Moment hilft

Wenn die Welle gerade läuft, brauchst du nichts Großes. Je einfacher der Plan, desto weniger Futter bekommt die Angst. Diese Dinge helfen vielen:

  • Atme 4 Sekunden ein und 6 Sekunden aus, ein paar Minuten lang. Langsames Ausatmen bremst bei vielen spürbar den Puls.
  • Geh aus dem Raum, in dem die Angst angefangen hat. Ein anderer Ort unterbricht das Grübeln.
  • Trink ein Glas Wasser und iss etwas Kleines, wenn du lange nichts gegessen hast.
  • Beweg dich 10 Minuten, auch wenn es nur langsames Gehen ist.
  • Halte kaltes Wasser ins Gesicht und über die Handgelenke. Vielen hilft das, schneller runterzukommen.
  • Sag dir: Das ist der Entzug, und die Welle geht vorbei.
  • Ruf jemanden an, wenn du merkst, dass du dich reinsteigerst.

Triff während einer Welle keine Entscheidung übers Kiffen. Nach unserer Erfahrung ebbt auch der Drang, der mit der Angst kommt, oft nach etwa 20 Minuten wieder ab. Mit jeder Welle lernt dein Körper: Die Angst kommt, bleibt kurz und geht wieder, auch ohne Joint.

Was nicht hilft, auch wenn der Reflex es will

  • Kiffen, um die Welle zu beruhigen. Das dämpft kurz, aber du bringst deinem Körper wieder bei, dass er ohne Joint nicht runterkommt.
  • Alkohol zur Beruhigung. Er verschlechtert Schlaf und Grundstimmung und wird schnell zum neuen Problem.
  • Im Bett liegen bleiben und auf den Herzschlag horchen. Je mehr du in dich reinhorchst, desto lauter wird alles.
  • Beruhigungsmittel auf eigene Faust. Manche machen selbst abhängig, und die Wechselwirkungen sind schwer abzuschätzen.

Was vorbeugend wirkt

Die Tipps oben helfen im Moment. Damit die Wellen seltener kommen, braucht es ein paar einfache Grundlagen in den ersten Wochen:

  • Morgens raus ans Tageslicht. Am besten in der ersten Stunde nach dem Aufwachen. Das hilft deinem Tag-Nacht-Rhythmus.
  • Jeden Tag Bewegung. Ein zügiger Spaziergang oder eine Runde Joggen baut Anspannung ab, bevor sie sich staut.
  • Stabiler Schlafrhythmus. Nach einer schlechten Nacht kommt die Angst bei vielen leichter.
  • Weniger Kaffee, ab dem frühen Nachmittag gar keinen. Koffein kann Herzklopfen und Unruhe verstärken.
  • Kein Alkohol. Er macht den Schlaf schlechter und die Stimmung am nächsten Tag oft auch.
  • Menschen um dich herum. Feste Treffen in der Woche geben Halt, gerade wenn du sonst viel allein bist.

Wenn die Angst dich Richtung Rückfall drängt, lies auch Rückfall beim Kiffen aufhören.

Wann du dir Hilfe holen solltest

Angst gehört bei vielen zum Entzug. Es gibt aber eine Grenze, ab der sie nicht mehr nur Entzug ist:

Angst im Entzug oder Warnzeichen

FrageGehört oft zum EntzugWarnzeichen
Wie es sich anfühltUnruhe, Sorgen und Herzklopfen, die in Wellen kommenPanikattacken, die immer öfter kommen oder dich lähmen
Was im Kopf istGrübeln und das Gefühl, dass etwas nicht stimmtGedanken, dir etwas anzutun, oder Stimmen und Dinge, die nicht da sind
Wie es sich entwickeltWird über die Wochen seltener und schwächerWird nach mehreren Wochen stärker statt schwächer
Was dazukommtSchlechter Schlaf, Gereiztheit, SuchtdruckDu meidest immer mehr Orte, oder du brauchst Alkohol oder Beruhigungsmittel, um durchzukommen

Hast du Gedanken, dir etwas anzutun, ruf sofort die 112. Reden kannst du jederzeit und kostenlos mit der Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111.

Passt nur ein Teil der rechten Spalte auf dich, hol dir trotzdem Unterstützung. Deine Hausarztpraxis kann eine erste Einordnung geben, eine psychotherapeutische Praxis hilft bei Angst, die bleibt. Das ist kein Scheitern, sondern Hilfe an der richtigen Stelle.

Fazit

Angst beim Kiffen aufhören ist unangenehm, aber meistens erklärbar. Dein Körper muss ohne die jahrelange Dämpfung wieder lernen, selbst runterzukommen. Die Angst ist kein Beweis, dass du Cannabis brauchst.

Bei den meisten wird sie über die Wochen seltener, bis aus der Dauerwelle wieder einzelne Wellen werden, die kommen und gehen. Wenn du diese Zeit nicht allein durchstehen willst, begleitet dich unser Online-Programm Schritt für Schritt vom letzten Joint bis in den neuen Alltag.

Häufige Fragen

Ist Angst beim Kiffen aufhören normal?

Ja. Nervosität und Angst gehören zu den typischen Entzugszeichen und stehen auch im DSM-5. Bei vielen ist die Angst in der Resilienz-Phase am stärksten, also etwa ab Tag 5 bis Woche 3 oder 4.

Wie lange dauert die Angst im Cannabis-Entzug?

Die meisten Entzugsbeschwerden sind zwischen Tag 2 und Tag 6 am stärksten, die Angst kommt oft etwas später. In der Fokus-Phase bis Woche 7 wird sie bei vielen deutlich seltener. Nach langem, starkem Konsum kann es bis etwa 3 Monate dauern.

Wie lange dauert eine Panikattacke?

Die meisten dauern 5 bis 20 Minuten, manche bis zu einer Stunde. Sie fühlen sich wie ein Notfall an, sind aber nicht gefährlich. Hält eine Attacke länger an oder kommen Brustschmerzen oder Ohnmacht dazu, ruf die 112.

Kann Cannabis dauerhafte Angststörungen auslösen?

Das ist nicht abschließend geklärt. Klar ist: Die Angst aus dem Entzug wird über die Wochen weniger. Bleibt sie oder wird sie stärker, kann eine eigene Angststörung dahinterstecken, und die lässt sich behandeln.

Sollte ich bei Panikattacken zum Arzt?

Ja, wenn sie stark sind, öfter kommen oder du dich nicht sicher fühlst. Hast du Gedanken, dir etwas anzutun, ruf sofort die 112. Frühe Hilfe ist besser als monatelanges Alleinkämpfen.

Reicht Sport allein gegen die Angst?

Bewegung hilft vielen, ist aber nicht alles. Hast du trotz regelmäßigem Sport immer wieder starke Wellen, achte auch auf festen Schlaf und Menschen um dich herum, und hol dir bei Bedarf Hilfe.

Jan G., High-Performance- und Motivationscoach

Über den Autor

Jan G. · High-Performance- und Motivationscoach

Jan G. ist High-Performance- und Motivationscoach. Er arbeitet für viele bekannte Leute und weiß, wie sich Leistungsfähigkeit und Motivation verbessern lassen. Sein Schwerpunkt liegt auf allem Mentalen.

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