Die erste Woche ohne Cannabis: Was dich wirklich erwartet

Mann sitzt im Morgengrauen auf der Bettkante

Die erste Woche im Cannabis-Entzug ist nicht das, was du erwartest. Egal welche Vorbereitung du gelesen hast, die Realität fühlt sich anders an als der Plan. Nicht schlimmer, oft sogar weniger körperlich dramatisch. Aber an einer ganz anderen Stelle wackelig.

Wer schon einmal versucht hat aufzuhören und nach Tag 4 wieder eingeknickt ist, weiß, was gemeint ist. Es geht nicht um Willenskraft. Es geht darum, dass die zweite Hälfte der Woche ihre eigenen Fallen hat. Viele rechnen mit den harten ersten Tagen und übersehen die leiseren Momente danach.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Entzug beginnt meist 24 bis 48 Stunden nach dem letzten Joint. Die körperlich stärksten Tage liegen bei vielen zwischen Tag 2 und Tag 6.
  • Ab Tag 4 wird der Körper langsam ruhiger. Dafür kommen bei vielen heftige Träume, und ab Tag 6 oder 7 kehrt der Appetit zurück.
  • Mit Tag 5 endet die Reset-Phase und die Resilienz-Phase beginnt. Jetzt rücken Gefühle und Stimmungstiefs in den Vordergrund, und nach unserer Erfahrung ist die Rückfallgefahr hier am höchsten.
  • Der Schlaf braucht länger als eine Woche. Bei vielen läuft er erst um Woche 7 wieder rund.

Tag 1 bis 3 in Kürze

Die ersten Tage laufen bei vielen in zwei Stufen ab. Am Anfang trägt dich oft noch der Schwung der Entscheidung, manche sind fast euphorisch. Ab Tag 2 meldet sich der Körper: Unruhe, Schwitzen, schlechter Schlaf, wenig Appetit und eine kurze Zündschnur.

Tag 2 und Tag 3 sind für viele die härtesten. Was in diesen 72 Stunden genau passiert und wie du sie überstehst, steht ausführlich im Artikel Die ersten 3 Tage im Cannabis-Entzug.

Hier geht es um die zweite Hälfte der Woche. Um die Tage, an denen viele denken, das Schlimmste sei vorbei, und an denen trotzdem viele Versuche scheitern. So sieht die erste Woche im Überblick aus:

Die erste Woche Tag für Tag

  1. Reset, Tag 1 bis 3Der Entzug setzt nach 24 bis 48 Stunden ein. Unruhe, Schwitzen, schlechter Schlaf und wenig Appetit kommen dazu.
  2. Reset, Tag 4Der Körper ist noch unruhig, aber der erste Schock ist vorbei. Bei vielen beginnen jetzt heftige Träume.
  3. Reset, Tag 5Die körperlichen Beschwerden werden langsam leiser. Die Reset-Phase geht zu Ende.
  4. Resilienz, Tag 6Gefühle kommen stärker durch: Gereiztheit, Traurigkeit, Leere. Der Appetit meldet sich zurück.
  5. Resilienz, Tag 7Der Körper ist ruhiger als am Anfang der Woche. Die Stimmung schwankt, die Nächte bleiben unruhig.
  6. Resilienz: bis Woche 3 oder 4Stimmungstiefs und Suchtdruck kommen in Wellen. Danach ist der Entzug bei den meisten weitgehend überstanden.
  7. Fokus: bis Woche 7Kopf und Antrieb werden klarer. Der Schlaf braucht bei vielen bis etwa hier.

Das sind Durchschnittswerte. Wer jahrelang viel gekifft hat, braucht oft länger, wer wenig geraucht hat, kommt manchmal schneller durch.

Tag 4: Der Körper ist noch laut

Tag 4 fühlt sich bei vielen an wie ein Tag zwischen den Welten. Das Schlimmste der ersten 72 Stunden ist vorbei, aber gut geht es dir noch nicht. Du schwitzt nachts, der Magen ist empfindlich, manchmal drückt der Kopf.

Die Nächte bleiben unruhig. Du liegst um elf im Bett, bist um zwei noch wach, schläfst dann ein paar Stunden und bist um halb fünf wieder hellwach. Bei vielen beginnen jetzt Träume, die so echt wirken, dass du morgens erst sortieren musst, was passiert ist.

Manche träumen sogar, dass sie gekifft haben, und wachen mit schlechtem Gewissen auf. Das ist kein Rückfall und kein schlechtes Zeichen. Die Träume tauchen bei vielen zwischen Tag 3 und Tag 5 auf und werden über die Wochen wieder ruhiger.

Eine Übersicht, welche Beschwerden überhaupt vorkommen, findest du bei den 12 häufigsten Entzugserscheinungen durch Cannabis.

Tag 5: Die Reset-Phase geht zu Ende

Um Tag 5 herum dreht sich bei vielen die Lage. Das Schwitzen lässt nach, der Körper wird leiser. Du merkst, dass du ein paar Abende ohne Joint geschafft hast. Damit endet die Reset-Phase, und die Resilienz-Phase beginnt.

Genau hier passiert etwas, mit dem kaum jemand rechnet. Wenn der Körper ruhiger wird, werden die Gefühle lauter. Jahrelang hat Cannabis Ärger, Langeweile und Traurigkeit gedämpft. Jetzt kommt das alles direkt bei dir an.

Du regst dich über eine Mail auf, die eigentlich nichts bedeutet. Nach einem längeren Gespräch brauchst du deine Ruhe. Manche weinen, ohne genau zu wissen, warum. Bei vielen läuft dann eine Schleife ab, die schnell zu Suchtdruck führt:

Wie aus schlechter Laune Suchtdruck wird

Eine Kleinigkeit regt dich auf
→
Du suchst den Grund im Job oder in der Beziehung
↑
↓
Der Kopf sagt: Mit einem Joint wäre das leichter
←
Du grübelst und kommst nicht runter

Nach unserer Erfahrung ist die Rückfallgefahr in der Resilienz-Phase höher als in den ersten Tagen. Der Körper gibt Ruhe, also fühlt sich ein Rückfall weniger schlimm an. Und die Gefühle liefern scheinbar gute Gründe.

Tag 6 und 7: Der Hunger kommt, die Stimmung schwankt

Ab Tag 6 oder 7 kommt bei vielen der Appetit zurück. Du merkst morgens zum ersten Mal wieder, dass du Hunger hast, und das Essen schmeckt wieder. Das ist eines der ersten deutlichen Zeichen, dass dein Körper sich umstellt.

Die meisten körperlichen Beschwerden lassen nach ein bis zwei Wochen deutlich nach. Der Schlaf ist die Ausnahme. Viele haben auch am Ende der ersten Woche noch unruhige Nächte, und das bleibt bei manchen noch ein paar Wochen so.

Die Stimmung ist jetzt die größere Baustelle. Ein Tag fühlt sich erstaunlich leicht an, der nächste grau und schwer. Typisch ist, dass du für das Tief einen Grund suchst und auch einen findest: Der Job nervt, die Beziehung ist nicht ideal, du bist nicht da, wo du sein wolltest.

Diese Gedanken sind nicht unbedingt falsch. Aber sie sind nicht der Grund, warum du dich gerade so fühlst. Sie kommen jetzt hoch, weil das Cannabis sie nicht mehr glättet. Das auseinanderzuhalten ist die wichtigste Aufgabe dieser Tage. Entscheide in dieser Woche nichts Großes über Job oder Beziehung.

Was dir an Tag 4 bis 7 am meisten hilft

Bewegung, Tageslicht und anständiges Essen helfen alle. Zwei Dinge sind in dieser Woche aber wichtiger als jedes Hilfsmittel.

Das erste ist ein Mensch am Tag. Ein Anruf, ein Treffen, ein längeres Gespräch, gern über etwas ganz anderes als den Entzug. Wer die erste Woche komplett allein verbringt, hört nur noch die eigenen Gedanken, und die drehen sich gerade oft im Kreis.

Das zweite ist ein Plan für den Abend. Nicht für die Woche, nur für die Stunden, in denen sonst der Joint kam. Eine Serie, ein Spaziergang, Kochen mit jemandem, ein Buch. Leg es vorher fest, bevor der Abend da ist und der Kopf zu verhandeln anfängt.

Wenn du allein wohnst und aufhörst, zeigt dir der Artikel Cannabis-Entzug alleine zu Hause, wo die typischen Fallen liegen.

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Die typischen Ausreden ab Tag 4

In der zweiten Hälfte der Woche klingen die Ausreden anders als am Anfang. Sie sind ruhiger, vernünftiger, fast erwachsen. Genau deshalb fallen viele darauf rein. Diese fünf hören wir am häufigsten:

„Das Schlimmste ist vorbei, einer schadet jetzt nicht.“

Der Körper ist ruhiger, also wirkt ein Joint harmlos. Das ist der Gedanke, der nach unserer Erfahrung die meisten Versuche in dieser Woche beendet.

Ein Joint an Tag 5 setzt die Uhr nicht nur zurück. Er bringt deinem Kopf bei, dass sich das Verhandeln lohnt.

„Ich hab ja bewiesen, dass ich aufhören kann.“

Ein paar Tage ohne Joint fühlen sich wie ein Beweis an. Der Kopf macht daraus: Dann kann ich ja auch ab und zu wieder.

Wer das schon mal ausprobiert hat, weiß, wie das meistens ausgeht. Aus ab und zu wird schnell wieder jeden Abend.

„Mein Konsum war ja nie wirklich ein Problem.“

Wenn die körperlichen Beschwerden nachlassen, wirkt der ganze Entzug im Rückblick kleiner. Plötzlich fragst du dich, warum du überhaupt so einen Aufwand machst.

Erinner dich an Tag 2 und Tag 3. Wer kein Problem hat, schwitzt nicht nachts durch, weil der Joint fehlt.

„Ohne Gras bin ich so gereizt, das schadet meiner Beziehung.“

Dieser Gedanke klingt fürsorglich. Er dreht aber Ursache und Wirkung um. Die Gereiztheit kommt vom Entzug, sie ist nicht dein Charakter.

Sag deinem Partner oder deiner Partnerin lieber offen, dass du gerade dünnhäutig bist und warum. Das entlastet euch beide mehr als ein Joint.

„Wenn ich die Woche schaffe, hab ich mir einen verdient.“

Das ist die unauffälligste Ausrede und oft die gefährlichste. Sie belohnt dich mit genau dem, wovon du loskommen willst.

Such dir für das Ende der ersten Woche eine echte Belohnung: ein gutes Essen, ein Ausflug, etwas, das du dir lange gewünscht hast.

Was sich nach einer Woche verändert hat

Am Ende von Tag 7 lohnt sich ein ehrlicher Blick zurück. Viel hat sich verschoben, auch wenn es sich nicht so anfühlt:

Tag 1 bis 3 und Tag 4 bis 7 im Vergleich

BereichTag 1 bis 3Tag 4 bis 7
KörperUnruhe, Schwitzen, empfindlicher MagenWird langsam ruhiger
AppetitKaum HungerKommt ab Tag 6 oder 7 zurück
SchlafSchlecht, oft wachWeiter unruhig, dazu heftige Träume
StimmungGereizt und angespanntSchwankt stark, Traurigkeit und Leere kommen dazu
SuchtdruckLaut und körperlichLeiser, dafür mit vernünftig klingenden Gründen

Wenn du die rechte Spalte erreicht hast, hast du den körperlich härtesten Teil hinter dir. Der Rest ist nicht leichter, aber er ist anders.

Wie es nach Tag 7 weitergeht

Die Resilienz-Phase läuft bis Woche 3 oder 4. In dieser Zeit kommen Stimmungstiefs und Suchtdruck in Wellen. Nach drei bis vier Wochen ist der Entzug bei den meisten weitgehend überstanden. Danach folgt die Fokus-Phase bis Woche 7, in der Kopf und Antrieb klarer werden.

Den ganzen Verlauf beschreibt der Artikel über die 3 Phasen des Cannabis-Entzugs.

Fazit

Die erste Woche ohne Cannabis hat zwei Hälften. In den ersten Tagen kämpfst du vor allem mit dem Körper. Ab Tag 4 wird der Körper leiser, und ab Tag 5 sind es die Gefühle und die vernünftig klingenden Ausreden, die dich zurückziehen wollen.

Sieben Tage sind machbar, vor allem, wenn du weißt, was dich wann erwartet. Wenn du die Wochen danach nicht allein durchstehen willst, begleitet dich unser Online-Programm durch alle drei Phasen bis in den neuen Alltag.

Häufige Fragen

Wird es nach der ersten Woche besser?

Körperlich ja, bei den meisten lassen die Beschwerden nach ein bis zwei Wochen deutlich nach. Gefühle und Suchtdruck kommen in der Resilienz-Phase bis Woche 3 oder 4 noch in Wellen. Der Schlaf braucht bei vielen bis etwa Woche 7.

Warum geht es mir an Tag 5 oder 6 emotional schlechter?

Weil der Körper ruhiger wird und die Gefühle, die Cannabis lange gedämpft hat, jetzt direkt ankommen. Das ist typisch für den Beginn der Resilienz-Phase. Hält das Tief über Wochen an, sprich mit einer Suchtberatung oder deiner Hausarztpraxis.

Wann kommt der Appetit zurück?

Bei vielen ab Tag 6 oder 7. Bis dahin reichen kleine, einfache Mahlzeiten, auch wenn du kaum Hunger hast.

Warum träume ich ab Tag 4 so heftig?

Lebhafte, manchmal verstörende Träume gehören zu den bekannten Entzugszeichen. Bei vielen beginnen sie zwischen Tag 3 und Tag 5. Sie fühlen sich sehr echt an, werden über die Wochen aber wieder ruhiger.

Was, wenn ich nach Tag 3 trotzdem rauche?

Dann fängst du die Tage neu an, aber du fängst nicht bei null an. Was du über deine Auslöser und Ausreden gelernt hast, bleibt. Beim nächsten Versuch kennst du die Stellen, an denen es eng wird.

Wann sollte ich mir Hilfe holen?

Hol dir Hilfe bei starker Angst oder Panikattacken. Dasselbe gilt, wenn du Gedanken hast, nicht mehr leben zu wollen, oder wenn Alkohol und andere Drogen im Spiel sind. Im Notfall ruf die 112, reden kannst du jederzeit mit der Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111. Die Beratungsstellen für Cannabiskonsumenten helfen anonym und kostenlos.

Mike R., Texter im AZK-Team

Über den Autor

Mike R. · Texter im AZK-Team

Mike R. schreibt als Texter im AZK-Team. Er hat zwölf Jahre lang jeden Tag konsumiert, wurde über eine Suchtberatung clean und hat später selbst dort gearbeitet. Heute lebt er im Ausland.

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