Nach 15 Jahren täglich: Irgendwann wird aus ich hör bald auf Realität

Mann Anfang vierzig macht Pause in seiner Werkstatt

15 Jahre täglich. Das ist nicht ein Lebensabschnitt. Das ist mein erwachsenes Leben mit einer Gewohnheit, die mehr war als eine Gewohnheit. Ich hab mit 23 angefangen, fast nahtlos nach dem Studium, und mit 38 aufgehört. Nicht weil etwas Dramatisches passiert ist. Sondern weil ich endlich gesehen hab, was die ganzen Jahre da war.

Das hier ist meine Geschichte als Langzeitkiffer, der nach 15 Jahren aufgehört hat. Kein Erweckungsbericht. Eher das, was ich gern vor zwei Jahren gelesen hätte, von jemandem, der durch ist.

Ich bin heute 40, arbeite als Architekt in einem mittleren Büro, lebe mit meiner Partnerin in einer Wohnung, die wir kürzlich gekauft haben. Niemand außer ihr hat von der genauen Konsumdauer gewusst. Mein Umfeld sah einen funktionierenden Erwachsenen: Job, Steuern, Sport, Familie. Was niemand sah: dass ich abends von 22 Uhr bis Mitternacht in der Küche stand, mir einen drehte, in den Garten ging, das Wochenende vorbereitete.

Was 15 Jahre täglich heißt

Es heißt nicht, dass jeder Tag gleich war. Es heißt, dass das Cannabis-Ritual durch 15 Jahre meines Lebens als unverhandelbarer Bestandteil mitlief. Weihnachten, Geburtstage, Urlaub, Trauer, Freude, Hochzeiten: überall dabei, immer im Hintergrund.

Was es bedeutet, kann ich rückblickend in zwei Sätzen sagen: Mein Leben hat sich um diese Gewohnheit organisiert, ohne dass ich es bewusst gemerkt habe. Mein Selbstbild hatte das Cannabis als unsichtbare Konstante eingebaut.

Konkrete Beispiele: Urlaube wurden nach Verfügbarkeit geplant. Reisen in Länder mit strengen Drogengesetzen waren mit innerer Anspannung verbunden, auch wenn ich nichts mitnahm: Der Verzicht für zwei Wochen war schwerer als ich zugab. Wichtige Termine im Büro fühlten sich am nächsten Morgen schwieriger an als an einem konsumfreien Morgen, aber das hab ich immer auf andere Sachen geschoben.

Mein Belohnungssystem hat sich an einen erhöhten Grundpegel angepasst. Was andere Menschen mit kleinen Freuden machen, kostete mich Energie: Konzerte, Wandern, Kochabende, neue Hobbys. Ich hab gemerkt, dass meine Bandbreite enger wurde, ohne es als Verlust zu erkennen.

Wer den biologischen Hintergrund dazu sucht, findet das im Artikel Warum Kiffen müde und antriebslos macht.

Was den Auslöser ausgemacht hat

Es war kein Drama. Ich hatte keinen Crash, keinen Verlust, keine Panikattacke. Was passiert ist, war profan.

Sommer 2024, wir saßen mit Freunden im Garten. Einer hat über sein neues Hobby geredet: Bouldern. Hat mit 36 angefangen, war begeistert. Ich hab zugehört und gemerkt, dass ich nicht gleichgültig zuhörte, sondern leicht abwesend. Hab nichts gesagt. Aber auf dem Nachhauseweg ist mir aufgefallen, dass ich seit Jahren kein neues Hobby angefangen hatte. Nicht „keine Zeit“, keine Lust. Keine Energie für etwas, das nicht zum gewohnten Muster gehörte.

In der Woche danach hab ich angefangen, ehrlicher zu zählen. Wie viele Bücher in den letzten 5 Jahren? Vier. Wie viele neue Wanderungen? Keine. Wie viele Konzerte, Reisen, Lernfelder? Praktisch nichts. Mein Leben hatte sich um den Konsum herum verengt, ohne dass mein Tagesablauf das gezeigt hätte.

Im September hab ich angefangen aufzuhören. Mit Plan, drei Wochen Vorbereitung, mit meiner Partnerin abgesprochen, mit Magnesium und Salbeitee gerüstet. Nicht heroisch. Strukturell.

Wie die erste Woche war

Anstrengender, als ich erwartet hatte. Mein Körper hat sich gewehrt: Schwitzen, Schlaf wackelig, Reizbarkeit. Tag 4 hab ich auf der Arbeit eine Mail dreimal gelesen, hab nichts behalten. Hab abends meiner Partnerin gesagt, dass ich nicht weiß, wie ich morgen den Tag schaffe.

Sie hat etwas gemacht, das ich heute als entscheidend einordne: Sie hat mir nicht zugeredet, dass ich „durchhalten“ soll. Sie hat einen ruhigen Abend organisiert, eine Suppe gekocht, einen Film geguckt, mir nichts abverlangt. Hat den Druck rausgenommen, ohne den Plan aufzugeben.

Tag 7 ging es körperlich besser. Schlaf noch nicht gut, aber Magen, Schwitzen, Reizbarkeit reduziert.

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Was niemand mir gesagt hat

Ab Woche zwei kam etwas anderes als ich erwartet hatte. Nicht der Suchtdruck, vor dem ich mich am meisten gefürchtet hatte. Sondern eine Art Leere, gekoppelt mit emotionalen Wellen, die ich aus den letzten 15 Jahren nicht kannte.

Ich hab über Sachen geweint, die kein Anlass dafür waren. Ich war reizbarer, als ich für möglich gehalten hätte. Ich saß abends im Wohnzimmer und wusste nicht, wohin mit der Zeit. Drei Stunden zwischen Feierabend und Schlafen, die jahrelang mit einem klaren Ritual gefüllt waren, waren plötzlich leer.

Diese Phase (ich hab später gelesen, dass das die Resilienz-Phase im Programm-Standard ist, ab Tag 5 ungefähr 3 Wochen) war emotional schwerer als die körperlichen Symptome. Was geholfen hat, war kein Trick. Tageslicht morgens, Bewegung, soziale Verbindung, kein Alkohol als Ersatz, klare Schlafenszeiten. Banalitäten, die in dieser Phase zur Rettung wurden.

Die ersten echten Verbesserungen kamen ab Woche 4. Schlaf wurde tiefer, Stimmung stabiler, erste Lust auf Sachen, die ich ewig geschoben hatte. Mit aktiver Begleitung (Plan, Partnerin, ehrliche Gespräche) war ich am Ende der Fokus-Phase nach etwa 7 Wochen weitgehend stabil. Hätte ich keine Begleitung gehabt, wäre es länger gegangen, bei meiner Konsumlänge realistisch bis zu 3 Monate.

Eine konkretere Übersicht zu diesen Phasen findet man im Artikel die 3 Phasen des Cannabis-Entzugs.

Was nach einem Jahr ohne anders ist

Eineinhalb Jahre später kann ich konkret sagen, was sich verschoben hat. Nicht in spektakulären Sätzen, in messbaren Veränderungen.

Ich hab eine Wanderung in Italien gemacht, die seit Jahren auf einer Liste stand. Ich hab Spanisch angefangen, drei Module bei einer App. Ich lese wieder Bücher: vier in den letzten sechs Monaten, mehr als in den 15 Jahren zusammen.

Mein Job läuft besser. Nicht weil ich mehr arbeite, sondern weil mein Vormittag wirklich produktiv ist statt im Halbnebel. Mein Chef hat letztens beim Quartalsgespräch gesagt, ich sei „erkennbar präsenter“, ohne zu wissen, woran das liegt.

Meine Partnerin und ich haben Abende, die wir vorher nicht hatten. Wir reden über Sachen, die wir früher nicht angegangen wären. Sie hat irgendwann gesagt, dass ich ein anderer Partner geworden bin. Sie meinte das im positiven Sinn.

Mein Schlaf ist tief. Ich erinnere mich an Träume, was jahrelang weg war. Ich wache morgens auf, ohne dass die ersten zwei Stunden Trübnebel waren.

Ich hab keine 10 Kilo abgenommen, das wäre kitschig. Aber ich hab vier verloren, ohne irgendwas an der Ernährung zu ändern, vermutlich weil die Munchies abends weg waren und das Kalorienkonto ohne ein-zwei-Tüten-Schokolade pro Abend anders aussah.

Was ich heute weiß, das ich vor 15 Jahren nicht wusste

Erstens: Dass „funktionierender Konsument“ nicht dasselbe ist wie „kein Problem“. Ich war funktionierend. Ich war trotzdem in einem Muster, das mich verengt hat.

Zweitens: Dass die Selbstwahrnehmung mit der Zeit unzuverlässig wird. Was sich für mich normal angefühlt hat, war eine eingegrenzte Version meiner selbst. Erst der Vergleich nach dem Aufhören hat das sichtbar gemacht. Vorher konnte ich es nicht sehen.

Drittens: Dass 15 Jahre sich anfühlen wie ein langer Zeitraum, aber rückblickend wie ein verschobener Lebensabschnitt. Ich habe nicht „mein Leben gelebt“ in dieser Zeit. Ich habe gewohnt darin, mit einem bestimmten Pegel.

Viertens: Dass Aufhören nach 15 Jahren machbar ist. Es war anstrengend. Es war nicht heroisch. Es war eine Sache von Wochen und Monaten, nicht von Tagen. Und es war es wert, auch wenn ich erst nach 6 Monaten gewusst hab, dass es das wert war.

Weitere Erfahrungen anderer in ähnlicher Lage liest du in den Erfahrungsberichten zum Cannabis-Entzug. Mein Tipp aus eineinhalb Jahren Abstand: Wer nach 10 Jahren oder mehr aufhört, soll sich auf 7 Wochen mit aktiver Begleitung einstellen, oder bis 3 Monate ohne. Nicht weniger versprechen, aber auch nicht mehr. Das ist die ehrliche Spanne, und sie ist machbar.

Ben C., Texter im AZK-Team

Über den Autor

Ben C. · Texter im AZK-Team

Ben C. hat sechs Jahre konsumiert. Er hat in einer Entzugsklinik gearbeitet und dort auch seinen eigenen Entzug gemacht. Dadurch kennt er Cannabis-Entzug aus eigener Erfahrung und aus dem Klinikalltag.

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