
Der Moment wo mein Körper beim Training Nein gesagt hat
klingt nach einem großen Satz. In Wahrheit beginnt so eine Veränderung meistens kleiner: mit einem Morgen, an dem du merkst, dass du nicht mehr dieselbe…
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Ich hatte nicht vor, ein Tagebuch über meinen Cannabis-Entzug zu schreiben. Ich wollte nur 30 Tage Pause machen, weil mein Abend-Joint längst kein Genuss mehr war. Angefangen habe ich in der zweiten Nacht, als ich so wach im Bett lag, dass Schreiben besser war, als weiter Schlafen zu versuchen.
Kurz zu mir: Ich bin 35, arbeite im Marketing, habe keine Kinder und wohne allein in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Gekifft habe ich zwölf Jahre lang, erst am Wochenende, dann fast jeden Tag und am Ende jeden Tag.
Wie viel es wirklich war, wusste außer meinem Partner niemand. Manche Einträge sind kurz, andere lang. Geschönt habe ich keinen davon.
Tag 1. Sonntag. Vorrat heute aufgeraucht, morgen ist null da. Komische Aufregung, fast wie vor einem Flug. Geschlafen wie immer.
Tag 2. Montag. Morgens normal. Mittags ein Loch im Magen, nicht Hunger. Nachmittags müde. Abends im Bett um halb zehn, kann nicht einschlafen, liege bis halb drei wach. Heißer Tee, kaltes Wasser ins Gesicht, neuer Versuch. Schlafe von vier bis sechs.
Tag 3. Im Büro Müll. Hab eine Mail dreimal gelesen, keinen Satz behalten. Abends: schweißnass im Bett aufgewacht um zwei. T-Shirt wechseln, neuer Versuch.
Tag 4. Der erste richtig harte Tag. Magen schwankt, leichte Übelkeit, Kopfdruck. Hab nach der Arbeit eine Stunde geheult, ohne Anlass. Hat sich danach besser angefühlt. Mein Partner war ruhig dabei, ohne zu kommentieren. Hat sehr geholfen.
Tag 5. Schwitzen weniger. Schlafen immer noch schlecht, aber drei Stunden am Stück. Geht.
Tag 6. Erste Mahlzeit, die wieder Spaß gemacht hat. Spaghetti carbonara, zu Hause selbst gemacht. Mein Partner hat gesagt, ich seh besser aus. Ich glaube, das war Höflichkeit.
Tag 7. Eine Woche durch. Ich hab mich nicht gefeiert. Es war eher: okay, weiter. Konkrete Aufstellung, was körperlich in dieser Phase passiert: die 12 häufigsten Entzugserscheinungen durch Cannabis.
Tag 8. Schlaf besser. Sechs Stunden tief. Aufgewacht um halb sieben, vor dem Wecker. Erst mal seltsam.
Tag 9. Reizbar. Mein Partner hat gefragt, ob ich Tee will, ich hab pampig geantwortet. Hab mich danach entschuldigt. Er hat gelacht. War okay.
Tag 10. Erste Träume seit Jahren, an die ich mich erinnere. Verstörend lebendig. Mein Vater, ich war Kind, wir waren im Auto. Bin um vier wach geworden und konnte nicht mehr einschlafen.
Tag 11. Im Büro besser konzentriert als die ganze Woche davor. Hab in zwei Stunden eine Sache fertig gemacht, für die ich sonst einen halben Tag brauche. Kein Wunder, einfach klarer Kopf.
Tag 12. Abends melancholisch. Ohne Grund. Ich hab versucht zu lesen, hat nicht funktioniert. Hab eine Folge alte Serie geguckt, ist vorbeigegangen.
Tag 13. Nichts Besonderes.
Tag 14. Halbzeit. Hab meinem Partner gesagt, dass ich nicht weiß, ob ich aufhöre oder weitermache nach den 30 Tagen. Er hat gesagt, das wäre meine Entscheidung. Hat geholfen, das so klar zu hören.
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Tag 15. Geschmack. Erdbeeren von der Kollegin im Büro haben nach etwas geschmeckt. Erst dachte ich, ich übertreibe. Hat dann eine andere Kollegin auch probiert und gesagt: süß, aber normal. Bei mir war das wie das erste Mal Erdbeere.
Tag 16. Geruch im Café morgens. Kaffee, Croissant, dieser Mix. War wie eine Erinnerung an meine Studienzeit, ohne dass ich an meine Studienzeit gedacht hab. Komisches Gefühl.
Tag 17. Erste Welle Lust auf einen Joint. Stark, kam aus dem Nichts, ein Donnerstag abend nach der Arbeit. Bin spazieren gegangen, 30 Minuten, war weg. Aber überraschend stark, dass ich kurz dachte, ich kauf was. Kalter Schweiß.
Tag 18 bis 21. Normal. Schlafe, esse, arbeite. Wenig Aufregung. Mein Partner und ich hatten ein gutes Wochenende, was wir lange nicht hatten: wir waren wandern, was ich immer geschoben hatte.
Tag 22. Schlafe sieben Stunden am Stück. Erste Mal seit ich denken kann.
Tag 23. Müder als die Tage davor. Keine Ahnung warum. Hab früh ins Bett gemacht.
Tag 24. Beim Arbeiten gemerkt, dass ich nicht mehr alle 20 Minuten Pause brauche. Ich hab zwei Stunden konzentriert gearbeitet, das war früher der ganze Vormittag verteilt auf vier Pausen.
Tag 25. Treffen mit alten Freundinnen. Wir haben uns vier Stunden unterhalten, ich war hinterher nicht erschöpft. Sonst hatte ich nach zwei Stunden Bedürfnis nach Pause.
Tag 26. Im Spiegel gesehen, dass meine Haut anders aussieht. Lebendiger. Ich bin nicht jünger geworden, das wäre Quatsch. Aber weniger müde-grau im Gesicht.
Tag 27 bis 29. Drei normale Tage. Ich realisiere, dass Cannabis nicht mehr aktiv im Kopf ist. Ich denke an die Sache, wenn ich das Tagebuch öffne. Sonst nicht.
Tag 30. Ich hab nicht entschieden, ob ich weitermache. Mir ist das gar nicht so wichtig. Was ich weiß: Ich werde dieses Tagebuch behalten. Für die Tage, an denen ich vergesse, was sich in einem Monat verschoben hat.
Wenn mich heute jemand fragt, was 30 Tage ohne Cannabis bringen, sage ich: keine Verwandlung. Aber eine Reihe konkreter Veränderungen, und die sind nicht nichts.
Ich schlafe besser, und meine Träume sind zurück. Bei der Arbeit ist mein Kopf klarer, Essen schmeckt und riecht wieder. Ich habe Energie für Sachen, die ich vorher ewig aufgeschoben habe. Und im Kopf ist ein Rauschen leiser geworden, das ich vorher gar nicht als Rauschen erkannt hatte.
Im Nachhinein passt mein Verlauf ziemlich gut zu dem, was Forscher wie Budney und Kollegen (2003) beschreiben. Der Entzug fängt meist 24 bis 48 Stunden nach dem letzten Joint an und ist zwischen Tag 2 und Tag 6 am stärksten. Nach etwa vier Wochen ist der größte Teil vorbei, nur Schlaf und Träume brauchen oft länger.
Meine 30 Tage in den drei Phasen
Wie die drei Phasen bei anderen verlaufen, steht hier: Cannabis-Entzug: Dauer, Phasen und Verlauf. Warum die Träume nach dem Aufhören so lebendig werden, erklärt der Beitrag über Albträume nach dem Kiffen aufhören.
30 Tage sind keine Garantie. Sie sind ein Test, und was nach Tag 30 passiert, hängt von vielen Sachen ab. Mehr Erfahrungen von anderen in einer ähnlichen Lage findest du in den Erfahrungsberichten zum Cannabis-Entzug.
Was bei mir bleibt, weiß ich noch nicht. Aber ich weiß, dass die 30 Tage nicht umsonst waren, und das ist mehr, als ich an Tag 1 gehofft hatte. Wenn du deine eigenen 30 Tage nicht allein durchstehen willst, begleitet dich unser Online-Programm Schritt für Schritt durch alle drei Phasen.
Die ersten Anzeichen kommen meist 24 bis 48 Stunden nach dem letzten Joint. Am stärksten ist der Entzug zwischen Tag 2 und Tag 6, nach etwa vier Wochen ist der größte Teil vorbei. Schlafprobleme und lebhafte Träume können länger bleiben.
Bei den meisten liegt der Höhepunkt zwischen Tag 2 und Tag 6. Typisch sind dann schlechter Schlaf, Schwitzen, Unruhe, Gereiztheit und wenig Appetit. Welcher Tag genau der härteste ist, ist bei jedem anders.
THC dämpft die Traumphasen im Schlaf. Fällt es weg, holt der Körper diese Phasen nach, und die Träume werden häufiger, lebhafter und manchmal verstörend. Mit der Zeit wird das wieder ruhiger.
Die ersten Nächte sind oft die schlechtesten, danach wird es bei vielen Schritt für Schritt besser. Der Schlaf gehört aber zu den Beschwerden, die am längsten bleiben können, bei manchen auch über den ersten Monat hinaus.
Nach etwa vier Wochen ist der körperliche Entzug bei den meisten weitgehend vorbei. Hirnscans von Hirvonen und Kollegen (2012) zeigen, dass sich die Andockstellen für THC im Gehirn in dieser Zeit wieder erholen. In einer großen Auswertung waren nach etwa 25 Tagen Pause keine Nachwirkungen bei Gedächtnis und Konzentration mehr messbar.

Über den Autor
Mike R. · Texter im AZK-Team
Mike R. schreibt als Texter im AZK-Team. Er hat zwölf Jahre lang jeden Tag konsumiert, wurde über eine Suchtberatung clean und hat später selbst dort gearbeitet. Heute lebt er im Ausland.
Mehr über das AZK-Team →
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